• Wie ein etwas schrulliger Kommunist den norwegischen Fußball aus dem Nichts nach oben führte

Sport : Wie ein etwas schrulliger Kommunist den norwegischen Fußball aus dem Nichts nach oben führte

Elke Wittich

Der Optimismus ist groß vor dem Testländerspiel gegen Deutschland am kommenden Sonntag in OsloElke Wittich

Der Triumph von Berlin. Jahrzehntelang galt der 2:0-Sieg gegen Deutschland - auch aus politischen Gründen - als wichtigster norwegischer Fußballsieg überhaupt. Bei den Olympischen Spielen 1936 warf die norwegische Nationalmannschaft vor den Augen des erbosten Führers im Poststadion die deutsche Mannschaft aus dem Wettbewerb - und gewann am Ende die Bronze-Medaille. Vor einigen Tagen nun rangierte in einer Umfrage der Tageszeitung "Dagbladet" der historische Sieg nur noch weit hinten, denn inzwischen wird nur noch über die jüngsten Erfolge der norwegischen Kicker gesprochen: Die Nationalmannschaft, WM-Teilnehmer 1994 und 1998, hat sich problemlos für die EM im kommenden Jahr qualifiziert, Meister Rosenborg Trondheim sorgt in der Champions League seit einigen Jahren für immer neue Überraschungen. In Dortmund gewann man vor kurzem mit 3:0, im Dezember 1996 siegte Trondheim mit 2:1 beim AC Mailand und erreichte das Viertelfinale. So ist der Optimismus vor dem Testländerspiel der Norweger gegen Deutschland am kommenden Sonntag in Oslo groß. "Ich wäre sehr überrascht, wenn die Deutschen gewinnen", sagt zum Beispiel Trondheims Manager Rune Bratseth, der fast zehn Jahre lang unter Trainer Otto Rehhagel bei Werder Bremen aktiv war. Die Zeiten haben sich geändert, längst gilt Norwegen nicht mehr als Underdog unter den Etablierten. Und die Norweger gehen offensiv mit der neuen Rolle um. Ohne überheblich sein zu wollen, glaube er, "dass wir jeden schlagen können", sagt Bratseth.

Lange vorbei sind die Zeiten, als man sogar noch gegen Luxemburg verlor. Damals waren norwegische Sportler nur in den Wintersportarten führend. Fußball spielten selbst bei den Vereinen der ersten, der heutigen Tippe-Liga, nur Halbprofis. Mit dem Aufstieg des bis Mitte der siebziger Jahre armen Staates zum - aufgrund des Nordsee-Öls - heute viertreichsten Land der Erde haben sich auch die Ansprüche im Sportbereich verändert. "Wir sind jetzt eine Winner-Nation", so behauptete vollmundig der norwegische Sportverband bereits Ende der achtziger Jahre. Fußball stand zu diesem Zeitpunkt noch im Schatten. Doch der Fußball-Verband erarbeitete ein Nachwuchskonzept - das Jahre später vom englischen Verband kopiert werden sollte - und verpflichtete, nach zahlreichen Niederlagen, einen neuen Trainer für das Nationalteam. Der ehemalige Fußballprofi Egil Olsen, genannt "Drillo", hatte dann auch nach einigen Jahren Erfolg. Zum ersten Mal seit über 50 Jahren gelang 1994 die Qualifikation für eine Weltmeisterschaft, Olsen wurde zum Nationalhelden. Mit einer Mannschaft, die bis auf wenige Ausnahmen aus Spielern bestand, die fern der Heimat (England, Spanien, Deutschland) ihr Geld als Profis verdienten.

Dass er leidenschaftlicher Kommunist war und ist, störte die auch in Norwegen eher konservativen Fußballfans überhaupt nicht, und dass er ausländische Reporter mit seinen Statements eher verunsicherte, gleich gar nicht. "Drillos" Antwort auf die Frage eines niederländischen Reporters nach seinem überfallartigen Spielsystem: "Wir greifen mit elf Mann an, wenn wir den Ball haben. Ich verstehe Ihre Frage nicht!" Wichtig war ihm, dass sein sehr resultatorientiertes und eher defensiv geprägtes System zum Erfolg führte, auch wenn es manchmal zu erschreckend unattraktivem Fußball führte. So richtig wurde das norwegische Nationalteam als Erfolgsmannschaft wohl erst wahrgenommen, als ihm in der WM-Vorrunde 1998 ein sensationeller 2:1-Sieg gegen Brasilien gelang. Treue Norge-Anhänger wunderten sich dagegen überhaupt nicht, immerhin hatte man den amtierenden Weltmeister schon ein Jahr zuvor in einem Freundschaftsspiel mit 4:2 geschlagen. Gegen Italien im Viertelfinale verloren die Norweger (in deren Mannschaft auch Kjetil Rekdal von Hertha BSC stand, der für das Spiel am Sonntag nachnominiert wurde) dann - und "Drillo" machte seinen zuvor schon erklärten Rücktritt wahr.

Der neue Trainer Norwegens ist nun das Gegenteil des exzentrischen Olsens. "Ich hatte viel zu verlieren und wenig zu gewinnen", sagt Nils Johan Semb heute rückblickend über seine ersten Monate als National-Coach. Das erste EM-Qualifikationsspiel unter seiner Regie wurde gleich mit 1:3 gegen Lettland verloren, das mittlerweile erfolgverwöhnte Publikum im Osloer Ullevaal-Stadion rief nach Olsen.

Inzwischen kann Semb jedoch eine sehr gute Bilanz vorlegen: zehn Siege und vier Unentschieden in 14 Spielen. Nach der Niederlage bei seiner Premiere sei der Neustart schwer gewesen, "aber wir haben zusammen gearbeitet, das Klima im Team war enorm - und nun ist alles gut". Fehlt nur noch ein Sieg am Sonntag.

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