Sport : Wie ein Ochse in Altötting

Benedikt Voigt

In einer Hinsicht verhalten sich olympische Helden wie Bösewichter in Krimis. Letzteren wird nachgesagt, dass es sie zum Ort ihrer Tat zurückziehe. Genauso geht es olympischen Helden. Sie kehren immer wieder zurück zu den Spielen, auch wenn sie nicht mehr aktiv sind. Viele kommen, um als Experte fürs Fernsehen aufzutreten. Einer kommt, um sich zu feiern: Alexander Tichonow.

Der ehemalige russische Olympiasieger im Biathlon verteilt in San Sicario ungefragt selbst gebastelte Autogrammkarten mit der Aufschrift: „Alexander Tichonow, größter Sportler des 20. Jahrhunderts.“ Nun hat es im vergangenen Jahrhundert einige große Sportler gegeben. Muhammad Ali etwa. Alexander Tichonow spielt in dieser Kategorie nur eine Nebenrolle, auch wenn er auf vier Olympiasiege und 13 Weltmeistertitel zurückblicken kann. Dass mit dem 59-Jährigen etwas nicht stimmt, lässt schon das Foto seiner Autogrammkarte erahnen. Seine Brust ist mit Medaillen bedeckt. Behängt wie ein Ochse bei der Altöttinger Pfingstwallfahrt blickt er in die Kamera. In San Sicario leistete sich der Vizepräsident des Weltbiathlonverbandes einen skurrilen Auftritt, als er Ricco Groß bei einer Pressekonferenz eine Medaille überreichen wollte. Er habe schon vor einem Jahr geahnt, dass dieser gewinnen würde, sagte er. So langatmig geriet seine Rede, dass Rafael Poiree demonstrativ den Saal verließ.

Vor vier Jahren hatte ihn die russische Polizei verhaftet. Er soll zu den Hintermännern eines Mordanschlages gehört haben, Tichonow beteuerte seine Unschuld, wurde freigelassen. Zumindest die Staatsanwaltschaft hatte es für möglich gehalten, dass sich ein olympischer Held in mehr als nur einer Hinsicht wie ein Krimibösewicht verhalten hatte.

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