Sport : Wie ein Vater

Van Almsicks Erfolgstrainer Dieter Lindemann ist tot

Robert Ide

Dieter Lindemann war ein Mann der Stille. Bei Wettkämpfen stand der Schwimmtrainer reglos am Beckenrand, seinen Schützlingen brummte er nur wenige Worte zu. Vor wenigen Wochen war der Mecklenburger bei den Kurzbahn-Meisterschaften in Goslar und ließ niemanden an sich ran. Wenn ihn jemand auf seine ungewöhnlich dünne Figur ansprach, sagte er: „Ich hatte eine Operation am Weisheitszahn.“ Über seinen wahren Gesundheitszustand schwieg er – selbst seine beste und ihm liebste Schwimmerin, Franziska van Almsick, wusste nichts von seiner Krankheit. Dieter Lindemann hatte Krebs. Er starb, wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von 51 Jahren in der Silvesternacht.

Van Almsick und Lindemann waren schon lange kein Gespann mehr, auch wenn der Trainer die Berlinerin in die Weltspitze gebracht hatte. Nach dem verpassten Olympiasieg von Atlanta 1996 verließ die Schwimmerin den Coach, für sie war es auch ein Schritt zum Erwachsenwerden. Doch vergessen hat sie ihren Ziehvater nie. „Beide waren immer froh, wenn sie sich sahen“, erzählt van Almsicks Managerin Regine Eichhorn. „Franziska ist tief betroffen über den Tod.“ Lindemann, der zuletzt Trainer in Halle war, ist van Almsick oft hinterhergereist. Im vergangenen Sommer kam er nach Berlin, um ihre Rekordjagd bei der Schwimm-EM zu sehen.

Trotz seiner Erfolge und seiner Treue war Lindemann ein umstrittener Trainer. Nach der Wende hing er den DDR-Zeiten nach, zudem stand er unter dem Verdacht des Dopings. Beim ersten DDR-Dopingprozess 1998 in Berlin tat Lindemann das, was er gut kann: er schwieg. Im Gegensatz zu anderen Trainern gestand er keine Schuld ein, ihm konnte aber auch nichts nachgewiesen werden. Lindemann stimmte der Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldbuße zu.

Es gab wenige Momente, in denen Dieter Lindemann Emotionen zeigte. Beobachtern ist nur eine Szene in Erinnerung: nach van Almsicks erstem WM-Titel 1994 in Rom. Sie kam aus dem Becken, weinend vor Glück. Lindemann nahm sie in den Arm. Wie ein Vater seine Tochter.

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