Sport : Wie eine große Welle am Meeresstrand

Schwimmer Marco Koch durchleidet nach dem Tod des Norwegers Alexander Dale Oen eine schwere Zeit.

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Mit Trauer im Bauch. Marco Koch (r.) setzte sich bei den deutschen Meisterschaften in Berlin am Freitagabend gegen Vorjahressieger Christian vom Lehn durch. Foto: dapd
Mit Trauer im Bauch. Marco Koch (r.) setzte sich bei den deutschen Meisterschaften in Berlin am Freitagabend gegen Vorjahressieger...Foto: dapd

Berlin - Marco Koch stand ganz am Ende der Halle, zwischen Massagebänken und Sprungturm. Er hatte sich aus seiner Badehose gezwängt und war in knielange Shorts geschlüpft. Dafür hat er zwei Minuten benötigt, aber er hat sich auch Zeit gelassen. Das Rennen war hart, sein Oberkörper bebte immer noch erkennbar. Er war in 2:09,48 Minuten Deutscher Meister über 200 Meter Brust geworden, damit hatte er in der Halle an der Landsberger Allee Titelverteidiger Christian vom Lehn abgehängt und die Olympianorm unterboten. Alles schön, aber da waren auch die letzten 50 Meter. „Da ist es nicht so gut geschrubbt“, sagt der 22-Jährige stöhnend, „da war ich doch sehr verkrampft.“ Er versucht sich in einem Lächeln.

Fünf Minuten später kommt ein Teamkollege von Koch vorbei, er geht auf ihn zu, sie drücken sich, dann sagt Koch: „Die letzte Bahn war die Hölle.“ Einer dieser Sprüche, die man so sagt, wenn die Muskeln gebrannt haben und jeder Armzug zur Quälerei wird.

Aber diese Qualen sind nichts gegen die Schmerzen, die Marco Koch von der DSW Darmstadt seit dem 30. April durchleidet. Diese Schmerzen gehen nicht nach ein paar Minuten weg, sie kann man nicht mit einem Lächeln relativieren. Diese Schmerzen gehen vielleicht nie mehr vorbei. Marco Koch sagt leise: „Dieses Rennen habe ich Alexander Dale Oen gewidmet.“

Ein paar Stunden zuvor ist Alexander Dale Oen in Bergen, Norwegen, begraben worden. Das norwegische Fernsehen hat die Zeremonie live übertragen, die Kirche war überfüllt. Am 30. April ist Alexander Dale Oen mit 26 Jahren an Herzversagen gestorben. Norwegen hatte seinen aktuell populärsten Sportler verloren, Olympiazweiter von 2008 und Weltmeister 2011 über 100 Meter Brust. Oen hatte sein WM-Gold den Opfern des Massenmörders Anders Breivik gewidmet, damit hatte er eine traumatisierte Nation erreicht. Und diese ganze Nation trauerte nun um ihn.

Auch in der deutschen Schwimmszene waren sie entsetzt, aber niemand fühlte wohl so viel Schmerz wie Marco Koch. Oen war zu einem echten Kumpel geworden, sie hatten zusammen trainiert, in Potsdam, auf Teneriffa. Sie waren 2010 erstmals gemeinsam im Wasser, zwei Konkurrenten, die sofort einen Draht zueinander fanden. Sie redeten stundenlang miteinander, über Autos, über Frauen, über all die Dinge, über die Kumpels reden, die sich sympathisch sind und einander immer mehr vertrauen. „Er war unheimlich nett, sehr aufgeschlossen“, sagt Koch. „Er war aber auch immer ehrlich und hat nicht herumgedruckst.“

Dirk Lange hatte ihm die Nachricht von Oens Tod mitgeteilt. Lange war bis zum Winter Bundestrainer, jetzt arbeitet er als eine Art Heimtrainer für Koch. Lange war selbst erschüttert, er kannte Oen und seine Familie gut. Kochs erster Gedanke war: „Was erzählt mir denn der Dirk für einen Blödsinn?“ Er gab im Internet das Suchwort „Oen“ ein, dann erstarrte er sekundenlang. Es war kein Blödsinn. „Dann bin ich doch ein bisschen zusammengebrochen.“

Aber er war mitten in der Olympiavorbereitung, er konnte sich jetzt keine angemessene Trauer erlauben. Er musste, er wollte in den Alltagstrott flüchten. Marco Koch, der mal über 200 Meter Brust Europarekord geschwommen war und 2010 Kurzbahn-Europameister wurde, der hatte schon mal eine wichtige Qualifikation verpasst. 2011 schaffte er es nicht zur WM 2011. Seine letzte Qualifikationschance verpatzte er in Paris. Nach dem Rennen kam Oen zu ihm, mit jenem vorwurfsvollen, strafenden Blick, den große Brüder für ihre kleineren reservieren. „Da hast du Scheiße gebaut“, sagte er zu seinem Kumpel. Es war jene Direktheit, die Marco Koch so gefiel und für die er den Norweger mochte.

Aber das sportliche Leben musste auch nach diesem Schlag weitergehen. Also zog sich Koch weiter durchs Wasser, am Beckenrand begleitet von seinem echten Heimtrainer Alexander Kreisel. Der kontrolliert die Technik des 22-Jährigen, er stoppt die Zeiten. Lange macht dagegen die ganze Trainingsplanung. „Ich habe viel verdrängt im Training“, sagt Koch. Aber es gab Momente, da ging das nicht mehr. Da erfasste die Trauer den Schwimmer Koch wie eine große Welle am Meeresstrand. Marco Kochs Stimme wird leiser und geht fast ins Tonlose über, als er sagt: „Da habe ich bloß noch geschluchzt.“

Einen Tag nach dem tragischen Tod von Alexander Dale Oen hat die Frau seines Bruders einen Jungen geboren. Er wird auf den Namen Alexander getauft.

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