Sport : Wie eine Ohrfeige

Der frühere Anabolika-Produzent Jenapharm überweist 25000 Euro an die Doping-Opfer – und die kommen sich veralbert vor

Frank Bachner

Berlin. Für diese überaus diffizile Aufgabe benötigten die Genossen schon die Hilfe des Klassenfeindes. Der Pharma-Produzent VEB Jenapharm in Jena sollte zu DDR-Zeiten eine ganz spezielle Substanz herstellen, aber das ging nur mit einer Maschine aus dem Westen. Für wertvolle Devisen wurde die Anlage nach Jena geschafft, und die neue Substanz stellte die Jenapharm-Experten zufrieden. Und natürlich auch Sportfunktionäre und Trainer. Denn mit der Westmaschine wurde ein Dopingmittel produziert. STS 646, ein männliches Sexualhormon, besonders geeignet für Turnerinnen und Eiskunstläuferinnen. Denn die bekamen durch STS 646 zwar mehr Muskeln, aber nicht mehr Körpergewicht. Dass STS 646 einen rund 16-mal höheren Vermännlichungseffekt hatte als andere Hormone, störte die Verantwortlichen nicht. Zumindest inoffiziell. Offiziell schrillten die Alarmglocken: Wegen der Nebenwirkungen wurde STS 646 in der DDR nicht zugelassen. Der Sportmedizinische Dienst der DDR dagegen, der alle Dopingmittel verteilte, orderte 1988 bei Jenapharm 60000 Tabletten STS 646, schrieb die Thüringer Zeitschrift „Gerbergasse 18“.

Aber STS 646 war nur die drastischste, nicht die einzige Dopingsubstanz des VEB Jenapharm. Der VEB produzierte vor allem in rauen Mengen Oral-Turinabol, die Standard-Dopingpille für DDR-Sportler. STS 646 und Oral-Turinabol sind Reizworte für geschädigte DDR-Sportler. Deshalb fordern die Dopingopfer seit langem eine Entschädigung durch Jenapharm.

Jetzt, signalisiert Mathias Claus, der Pressesprecher des Pharma-Konzerns Schering, sollen sich diese Opfer freuen. Schering zahlte 25000 Euro in den Dopingopfer-Hilfefonds, der im September 2002 eingerichtet wurde. Jenapharm ist mittlerweile eine Tochter von Schering, und das Unternehmen, sagt Claus, überwies das Geld „als Geste der Humanität, der Menschlichkeit und der Solidarität mit den Opfern“.

Doch die Opfer fühlen sich veralbert. „Ein Witz“, nannte Birgit Boese, eine frühere Kugelstoßerin, diese Überweisung. Sie koordiniert die Arbeit der Dopingopfer. Die Zahl der Geschädigten liegt zwischen 300 und 1000, da bleibt für jeden von den 25000 Euro nur ein Taschengeld.

Aber so eine Rechnung ist falsch. Sagt jedenfalls Claus. „Für uns spielte die Zahl der Geschädigten keine Rolle. Wir wollten einer unterstützenswerten Einrichtung helfen. Und wir sind stolz, dass wir eine Vorreiterrolle eingenommen haben.“ Schuld? Von Jenapharm? Aber bitte! „Es gibt keine Urteile, die uns zwingen zu zahlen. Jenapharm hat nur die Pillen geliefert. Der Rest war Sache des Sports.“ Für Dopingopfer ist diese Argumentation nur noch zynisch. Für Claus dagegen ist etwas anderes zynisch. „In dem Fonds sind rund zwei Millionen Euro, man muss die Gesamtsumme sehen, und die haben wir ergänzt. Wer das weglässt, ist zynisch.“ Eine strafrechtliche Schuld von Jenapharm, sagt Claus, gebe es nicht. „Mehr als die 25000 Euro zahlen wir auch nicht.“

Für den Sporthistoriker Giselher Spitzer, Experte für DDR-Doping, können die 25000 Euro dagegen nur ein Einstieg sein. Denn STS 646 sei ja kein Einzelfall gewesen. „Ein Viertel aller in der DDR verwendeten Dopingmittel war offiziell nicht zugelassen. Und die allermeisten dieser illegalen Substanzen hat Jenapharm hergestellt.“ Dass keiner der Verantwortlichen etwas über den Pillen-Einsatz gewusst habe, hält Spitzer trotz des Fehlens von strafrechtlich relevanten Unterlagen für absurd. „Es gab Vitamintabletten, in die STS 646 gemixt wurde. Das musste ja jemand angeordnet haben.“ Zudem erzählte der Arzt und Stasi-Spitzel Rainer Hartwich, der bei Jenapharm die Abteilung „Medizinische Forschung“ aufbaute, am 26. Juni 1987 seinem Führungsoffizier laut Stasi-Akten, „dass viele Mitarbeiter von Jenapharm über die breite Anwendung der Anabolika Bescheid wissen würden“.

Aber STS 646 schluckten offenbar nicht bloß Sportler. Die illegale Substanz erhielten außerdem, das Anwendungsverbot schnöde ignorierend, ganz besondere DDR-VIPs. Denn STS 646 hat anscheinend auch den Alterungsprozess gemindert. Und damit, das deuten Stasi-Akten an, wurde STS 646 auch an eine besondere Zielgruppe weitergereicht: Politbüromitglieder.

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