Sport : Wie einst Beckenbauer

Michael Ballack glänzt auch beim 4:1-Sieg in Nordirland als Führungsspieler der Nationalmannschaft

Hartmut Scherzer[Belfast]

Der Abtritt im Windsor Park war so majestätisch wie vorher der Auftritt. Als Michael Ballack vorzeitig vom Platz ging, tat er es aufrecht und mit einem Lachen. Der Beifall in Belfast gebührte an diesem nasskühlen irischen Abend dem Kapitän. Ballacks Rolle als Führungsfigur der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nahm in diesem Moment fast Beckenbauer’sche Konturen an. Beruhigt konnte der 28-Jährige zu diesem Zeitpunkt die dezimierte Mannschaft sich selbst überlassen. Michael Ballack hatte bereits alles gerichtet. Lukas Podolski konnte mit einem kaltschnäuzig erzielten Tor an seinem 20.Geburtstag sogar noch eins draufsetzen zum 4:1-Endstand gegen das harmlose Nordirland.

Nach dem frühen 0:1-Rückstand durch Healys Handelfmeter, der roten Karte Robert Huths für dessen spektakuläre Torwart-Parade („Es war ein reiner Reflex, dagegen kann man nichts tun“, lautete dessen Entschuldigung) und dem prompten Ausgleich durch Gerald Asamoah führte Ballack Deutschland zum Sieg. Nicht nur mit seinen beiden Toren zur 3:1-Führung, per Kopfball in Hüfthöhe nach einem Deisler-Freistoß sowie per Foulelfmeter, seinen Länderspieltoren 23 und 24. Bundestrainer Jürgen Klinsmann pries seinen Spielführer, wie er der Mannschaft „Zeichen gesetzt“ habe „mit seiner Aggressivität und seinem Willen“.

Ballacks Gala übertünchte all die Mittelmäßigkeit, die ihn in der ersten Halbzeit umgab. Mancher Spieler trabte lahm über den Platz. Als ihn im zweiten Spielabschnitt Bastian Schweinsteiger und bei seinem Comeback nach acht Monaten Sebastian Deisler flankierten, kehrte trotz Unterzahl frischer Schwung ins deutsche Spiel ein. Wie einst schon bei Beckenbauer machte die Bayern-Hausmacht das deutsche Team erst stark.

Allein Michael Ballack – noch nicht einmal mehr Torwart Oliver Kahn, der wegen Rückenproblemen und der Rotation Jens Lehmann Platz machte – verkörpert die Bayern-Herrschaft in der Nationalmannschaft. „Michael fühlt sich mit allen sehr wohl“, sagte Klinsmann. „Wir weisen die Mannschaft immer auf seine Position hin, ihn als Anspielstation zu suchen und ihn ins Spiel zu bringen. So bekommt Michael den Rücken frei und kann nach vorne stoßen.“ Der Bundestrainer verneinte dabei den Vorzug bayerischer Nebenleute. Im Gegenteil: Fabian Ernst und Bernd Schneider seien gesetzt.

Die Anfangsformation von Belfast um Regisseur Ballack war bewusst gewählt worden, weil sie für den Bundestrainer die Hierarchie der Mannschaft darstellt. Mit Deisler und Schweinsteiger, sagte Klinsmann, werde es aber nun einen „respektvollen, sportlichen Konkurrenzkampf“ geben. Dabei wünscht er sich, dass Deisler weiter an sich wächst, „er wird seine Spiele bekommen“. Um etwas zu gewinnen, etwa den anstehenden Konföderationen-Pokal oder gar die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr, „brauchen wir alle 23 Jungs“.

Ob nun Bayern oder Nichtbayern an seiner Seite sind, Ballack fühlt sich wohl in seiner Chefrolle. „Der Trainer gibt mir viele Freiheiten“, sagt er, „die versuche ich auch zu nutzen.“ Natürlich vergisst er nicht, Mitspieler aus anderen Vereinen zu loben. „Mit Bernd Schneider verstehe ich mich blind“, sagt Ballack. Auch Ernst habe seine Sache gut gemacht.

Bleibt die junge deutsche Abwehr als letzte Sorge. Aus Ballacks Mund hört sich das Problem so an: „Nach vorne sind wir ganz gut, hinten unerfahren.“ Symptomatisch waren die beiden Nachlässigkeiten von Owomoyela und Hitzlsperger, die zu Huths unfreiwilliger Parade mit der Hand nach Gillespies Volleyschuss führten. Nach der notgedrungenen Umstellung auf eine Dreierkette lastete die Verteidigung auf dem langen Per Mertesacker. Der Hannoveraner machte seine Sache allerdings so ordentlich, dass Jürgen Klinsmann ins Schwärmen geriet: „Das war wirklich toll.“ Am Ende lobte der Bundestrainer die gesamte Mannschaft für den Auftritt in Belfast. Seinen Star Michael Ballack brauchte er da nicht mehr extra hervorzuheben.

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