Sport : Wie einst im Mai

Werder Bremen glaubt wieder an die eigene Stärke

Frank Hellmann[Valencia]

Selten hat sich ein Auslaufen bei Werder Bremen so in ein Schaulaufen verwandelt wie in dieser regnerischen Dezembernacht von Valencia. Die spanischen Anhänger waren längst aus dem Mestallastadion getürmt, als die losgelösten Bremer Protagonisten sich im Zusammenspiel mit ihren euphorisierten Anhängern gefielen. Johan Micoud, sonst der notorisch missgelaunte Einzelgänger, dirigierte die auf ihn angestimmte Hymne, Andreas Reinke übte sich im Stepptanz, Nelson Valdez zelebrierte die Welle. Immer wieder stellten sie sich auf, schwangen die Arme in die Höhe, berauscht und beschwingt. „Wir haben Großes geleistet“, befand Trainer Thomas Schaaf nach dem 2:0 beim FC Valencia nach zwei späten Toren des eingewechselten Nelson Valdez, der gleich „die besten Momente meines Lebens“ ausrief.

„Er hat binnen acht Minuten einen ganzen Verein kaputt geschossen“, sagte Jürgen Born, Bremens Vorstandschef, in pathetischem Tonfall, ehe er persönlich den 21 Jahre alten Joker in die Arme schloss. Ohne Born wäre Valdez nicht bei Werder. In Paraguay, bei einem kleinen Club in Tembetary, bekam er einst den Tipp über einen Jungen, „der gar nicht mehr runterkommt von der Erde“. Was Born meinte: die Explosivität und Sprungkraft des Stürmers. In Valencia gelang ihm nun der größte Satz seiner jungen Karriere. „Er steht sonst im Schatten der anderen“, sagte sein Trainer und Förderer Schaaf, „nun richten sich alle Scheinwerfer auf ihn.“ Aber auch diese Rolle beherrscht er, wie er in ungezählten Interviews bewies.

Valencia hingegen fiel als schlechter Verlierer auf. „So verhält sich keine große Mannschaft“, sagte Fabian Ernst angesichts der Roten Karte gegen Miguel Angulo und der folgenden Spuck-, Stoß- und Schubsattacken in der tumultartigen Schlussphase. Spätestens nachdem Tim Borowski sich nach der Vorlage zum 2:0 in einer provokanten Geste geübt hatte, brannten bei Valencia alle Sicherungen durch. Einige Spieler schlugen und traten um sich, die Zuschauer warfen alles, was fliegen konnte: Plastikflaschen, Feuerzeuge und Handys. Der umsichtige Schiedsrichter Anders Frisk verzichtete kurzerhand auf die Nachspielzeit. Valencias Trainer Claudio Ranieri äußerte in der ersten Erregung gar, er habe nun Verständnis für die Vorfälle in Rom, als Frisk von Wurfgeschossen verletzt wurde: „Jetzt verstehe ich auch, weshalb sie ihm in Rom den Kopf gespalten haben.“ Tags darauf bat Ranieri um Entschuldigung. Trotzdem sagte Andreas Reinke, Bremens Torhüter: „Ich hätte nicht gedacht, dass in Valencia so viele Dussels rumlaufen. Wir haben die bessere Antwort gegeben.“

Das Weiterkommen wertete Werders Manager Klaus Allofs als „großen Schritt dieser Mannschaft und Signal für das ganze Umfeld“. Während ein Teil in den Bars von Valencia feierte, erlebte Bremens Innenstadt mit Hupkonzerten eine Reminiszenz an die Mai-Feiertage mit Meisterschaft und Pokalsieg. Neben dem sportlichen Prestige beschert Werder das Weiterkommen noch einmal fünf Millionen Euro, die nicht eingeplant waren.

Statt im Uefa-Cup zu überwintern und sich dann im neuen Jahr mit Alkmaar oder Dnjepropetrowsk herumschlagen zu müssen, darf sich der Deutsche Meister in der Champions League bei der Auslosung am 17. Dezember auf ein großes Los freuen. Die beiden Londoner Klubs FC Chelsea und Arsenal sind mögliche Gegner, aber auch der AC Mailand oder Juventus Turin. „Egal, wer kommt – unser Weg geht noch weiter“, sagte Fabian Ernst. „Bis ins Halbfinale, mindestens“, glaubt Nelson Valdez. Wenn jemandem in dieser Nacht solche Träume erlaubt waren, dann ihm.

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