Sport : Wie einst in Monterrey

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Von Stefan Hermanns

Seogwipo. Der Teamchef zürnte: „Für ein attraktives Spiel bedarf es zweier Mannschaften“, sagte er nach dem Sieg im Achtelfinale. 87 Minuten hatte sich die deutsche Nationalmannschaft in der Nachmittagssonne gegen einen Gegner gequält, dessen einziges Ziel es zu sein schien, die Verlängerung zu erreichen, aber am Ende fand die Begegnung doch noch einen verdienten Sieger. In der 88. Minute fiel das 1:0 für die Deutschen. Am 17. Juni 1986 war das, in Monterrey, Mexiko, beim WM-Achtelfinalspiel gegen Marokko. Der Torschütze hieß Lothar Matthäus.

Die Parallelen zur Gegenwart sind beängstigend. Auch im Achtelfinale der WM 2002 gegen Paraguay mühte sich die Nationalelf lange gegen einen defensiven bis destruktiven Widersacher, und wieder war es die 88. Minute, als der einzige Treffer der Begegnung die Deutschen ins Viertelfinale brachte. „Die Situation erinnert mich an die WM 1986, als wir auch eine spielerisch limitierte Mannschaft hatten, die aber körperlich topfit war“, sagt Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender beim FC Bayern. In Mexiko war er Kapitän der Nationalelf.

Die Weltmeisterschaft 1986 war das erste große Turnier für den Teamchef Franz Beckenbauer. Zwei Jahre zuvor, nach dem Vorrundenaus bei der EM in Frankreich, hatte er die Nachfolge von Jupp Derwall angetreten. Beckenbauer besaß nicht einmal eine Trainerlizenz, den Job beim DFB hatte er nur wegen seiner Vergangenheit als überragender Fußballer und seiner guten Kontakte zur „Bild“-Zeitung bekommen. Als Rudi Völler im Sommer 2000 das Amt des Teamchefs übernahm, stellte sich die Situation im deutschen Fußball ähnlich dar wie 1984 – katastrophal. Die Nationalmannschaft war bei der EM in der Vorrunde ausgeschieden, und auch Völler besaß keine Lizenz zum Trainieren. Bei allen Gemeinsamkeiten, „Rudi macht es besser als ich bei meiner ersten WM“, sagt Beckenbauer. Die Entwicklung zum nonchalanten Plauderer hat ein wenig vergessen lassen, dass der heute so souveräne Kaiser in Mexiko wenig entspannt wirkte. „Ich habe mich oft verzettelt“, sagt Beckenbauer. Völler, der 1986 als Stürmer zum WM-Kader gehörte, muss die Fehler, die Beckenbauer für ihn gemacht hat, nicht wiederholen.

Ähnlich wie diesmal zählte die Nationalelf vor 16 Jahren nicht zu den Favoriten des Turniers. „Da ist auch eine Mannschaft zur WM nach Mexiko gefahren, von der es hieß: Okay, wenn die ins Achtelfinale kommt, ist die Grenze des Möglichen erreicht“, hat Karl-Heinz Rummenigge in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt. Beckenbauer vertraute bei der WM in Mexiko weitgehend auf Spieler der Generation Derwall, auf Haudegen wie Briegel, Förster und Eder. Erst vier Jahre später, beim Titelgewinn in Italien, hatte Beckenbauer einen Kader zusammengestellt, der seinen Vorstellungen entsprach. Sieben Spieler, die 1990 Weltmeister wurden, gehörten auch schon 1986 zum WM-Aufgebot, und bis auf Olaf Thon waren alle in Italien Stammspieler. Völler hat ebenfalls zunächst einmal mit den Spielern weitergemacht, die bei der EM 2000 die größte anzunehmende Katastrophe verursacht hatten. Der aktuelle Kader trägt aber auch schon Züge, die möglicherweise erst bei der WM 2006 in Deutschland richtig zur Geltung kommen werden: Baumann, Ricken, Klose, Ballack, Asamoah, Kehl, Frings und Metzelder können in vier Jahren vom Alter her auf jeden Fall noch spielen.

Die WM 1986 bedeutete für die Nationalelf eine Zäsur. Für Rummenigge hätte das Turnier der letzte große Auftritt sein sollen. Doch wie 1982 schaffte er es nicht, die führende Rolle auf dem Feld zu spielen. Rummenigge war nach einer Verletzung noch nicht richtig fit. In den drei Vorrundenbegegnungen wurde er immer erst nach der 70. Minute eingewechselt. Bis auf Torhüter Toni Schumacher hatte die Mannschaft keine überragende Figur: Matthäus war zu jung, Magath zu alt. Auch in der aktuellen Ausgabe der Nationalelf steht die überragende Führungsfigur im Tor. Michael Ballack, der dank seinen spielerischen Fähigkeiten für diese Rolle prädestiniert wäre, schleppt sich mit einer Fußverletzung durch das Turnier wie Rummenigge 1986 in Mexiko.

Die Deutschen beschwören daher die Kraft der Ausgeglichenheit, und bisher haben sie noch keinen größeren Schaden erlitten. Hinzu kommt, dass das Vertrauen in die eigene Stärke von Erfolg zu Erfolg wächst. Das war vor 16 Jahren ähnlich. „Von Spiel zu Spiel ist mehr Selbstvertrauen in die Mannschaft reingekommen“, sagt Karl-Heinz Rummenigge, und dann erreichte sie sogar das Endspiel. „Wir alle wollen nach Yokohama ins Finale“, hat Jens Jeremies nach dem Sieg gegen Paraguay gesagt. „Das sind noch zwei Spiele, zweimal 90 Minuten.“ Man dürfe vom Finale träumen, findet Ballack. Und Oliver Neuville verkündet: „Wir haben jetzt genug Selbstvertrauen. Da ist es überhaupt kein Problem, ob man im Viertelfinale gegen Mexiko oder die USA spielt.“

Besser wären natürlich die Mexikaner. Gegen die hat Deutschland 1986 4:1 im Elfmeterschießen gewonnen. Im Viertelfinale.

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