Sport : Wie elf Bekannte

Der HSV gibt beim 0:1 gegen Mönchengladbach ein erschreckendes Bild ab

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Langsam in die Knie. Die Anweisungen von Trainer Michael Oenning scheinen beim HSV kaum noch Gehör zu finden. Foto: dpa
Langsam in die Knie. Die Anweisungen von Trainer Michael Oenning scheinen beim HSV kaum noch Gehör zu finden. Foto: dpaFoto: dpa

Ist das jetzt schon Abstiegskampf? Nach der fünften Niederlage im sechsten Saisonspiel wird der Hamburger SV diese Frage nicht mehr mit einem so unbekümmerten „Nein“ beantworten, wie es sein Sportdirektor Frank Arnesen zuletzt immer wieder getan hat. Beim 0:1 (0:0) gegen Borussia Mönchengladbach war deutlich zu sehen, wie es um das Projekt des Aufbaus einer neuen Mannschaft bestellt ist: schlecht, sehr schlecht.

Der HSV baute seine Position als Tabellenletzter souverän aus, und als erster dürfte Trainer Michael Oenning die Konsequenzen zu spüren bekommen. Die Mechanismen des Geschäfts sind bekannt, und dem klammen HSV bleiben wenig Möglichkeiten, um neue Reize zu setzen. Noch hielten sich die „Oenning raus!“-Rufe in Grenzen, aber das spricht weniger für die Arbeit des Trainers denn für das gute Benehmen und den Langmut der Zuschauerschaft.

Wie bescheiden das Hamburger Publikum mittlerweile ist, bekam Tomas Rincon zu spüren, als er den Ball nach 20 Minuten aus halblinker Position Richtung Eckfahne drosch und dennoch warmen Applaus bekam, weil es sich dabei um den ersten, nun ja, Torschuss gehandelt hatte. Diese Szene stand symptomatisch für die Situation der Hamburger in diesen Tagen. Sie geben sich ja wirklich alle Mühe, aber der Aufwand korrespondiert nicht mal ansatzweise mit dem Ertrag auf dem Rasen. Da ist kein System zu erkennen, keine Idee für die Gestaltung eines Fußballspiels. Der HSV spielte, als hätten sich da zufällig elf Bekannte getroffen und beschlossen, sich den freien Samstagnachmittag beim Fußball zu vertreiben.

Wer soll diese Mannschaft aus der Krise führen? Für die kreativen Momente ist beim HSV der Norweger Per Skjelbred zuständig, aber der hat vor allem mit sich selbst zu tun. Hinter ihm sind Tomas Rincon und Robert Tesche im zentralen Mittelfeld auch nicht gerade ein Ausbund an Ideenreichtum. Den letzten großen Namen in dieser Mannschaft trägt Mladen Petric. Der Kroate fristete ein trauriges Dasein als einziger Stürmer, und er wird sich gewiss des Öfteren gefragt haben, was er denn verloren hat beim nach dem Prinzip Zufall runderneuerten HSV.

Auch Borussia Mönchengladbach zeigte wenig Bereitschaft, zur Gestaltung des Spiels beizutragen. Das ist für eine Auswärtsmannschaft legitim, erst recht, wenn sie wie die Borussia in der vergangenen Saison mit letzter Kraft und über die Ehrenrunde zweier Spiele gegen den Zweitligadritten den Abstieg vermieden hat. Die Verlierer bei dieser Konstellation waren die Zuschauer, denn sie bekamen über weite Strecken ein deprimierend ereignisloses Fußballspiel zu sehen.

Als es dann zu Beginn der zweiten Halbzeit etwas munterer zuging, dürfte das auch nicht im Sinne des Hamburger Publikums gewesen sein. Denn es waren die Gladbacher, die Tempo machten und den Pass in die Tiefe suchten. Erst legte Marco Reus den Ball in den Lauf von Igor de Camargo. Der Belgo-Brasilianer schüttelte Heiko Westermann ab und schoss flach und scharf, doch Jaroslav Drobny wehrte mit dem Fuß ab.Diese Tempoverschärfung wirkte auch auf die Hamburger stimulierend, und beinahe wäre ihnen sogar das Führungstor gelungen. Nach einer Flanke des eingewechselten Gökhan Töre köpfte Tesche aufs verwaiste Tor. Filip Daems sprang mit hoch und bekam den Ball an den Unterarm, wahrscheinlich unabsichtlich, aber der Vorsatz spielt beim Handspiel bekanntlich keine Rolle. Schiedsrichter Peter Sippel ließ das Spiel zum Ärger der wütend protestierenden Hamburger weiterlaufen.

Kurz darauf verwandelte sich Wut in Entsetzen. Arangos Freistoß flog gut 50 Meter weit durch die Luft, aber weil es im Hamburger Strafraum offensichtlich eine nur sehr lose Zuordnung gab und Drobny auf der Linie verharrte, kam de Camargo relativ unbedrängt zum Kopfball und damit zum leichten 1:0. In der Folge herrschte das Chaos auf Seiten der Hamburger, die es allein den zaudernden Gladbachern verdankten, dass die Partie nicht vorzeitig zu ihren Ungunsten entschieden war. Reuss, Bobadilla und Arango, alle hatten sie das 2:0 auf dem Fuß. Die Geschichte hinter dieser Aufzählung ist eine andere: Der Fast-Absteiger Borussia Mönchengladbach war dem einstigen Champions-League-Kandidaten in der zweiten Halbzeit turmhoch überlegen.

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