Wie Fans in Berlin das Spiel sahen : "Kämpfen, Eisbären, kämpfen!"

Spiel in Düsseldorf, Feier in Berlin: Wie mehr als tausend Eisbären-Fans das große Eishockey-Finale in der Vip-Lounge der O2-World verfolgten.

Milan Jaeger

Normalerweise wird hier geraucht. Doch gestern Abend war die Terrasse der Vip-Lounge der O2-World viel mehr als nur Raucher-Bereich. Der Balkon war der zentrale Treffpunkt für die 1100 Berliner Fans, die gestern in der Heimstätte der Eisbären das Finalspiel ihres Vereins gegen die Düsseldorfer EG verfolgten. Von hier aus gaben sie die Zwischenstände per Handy an Freunde durch, hier bauten sie sich gegenseitig auf und schließlich versammelten sie sich alle auf dem Balkon um gemeinsam zu feiern. Einem unbeteiligten Beobachter wäre es möglich gewesen sich während des gesamten Spiels auf dem Balkon aufzuhalten und trotzdem immer über den Spielverlauf informiert zu sein. So gut brachte die Stimmung der Fans das Geschehen auf den Punkt.

Dem Beginn des Spiels blickten die Berliner seltsam gespalten entgegen. „Mir wäre es sowieso lieber, wenn die Eisbären erst in Berlin den Sieg perfekt machen würden“, sagte Ralf, der für das Spiel kein Ticket mehr bekommen hatte, und fasste damit seine Gefühlslage zusammen. Damit traf er wohl den Nerv der meisten in Berlin gebliebenen Eisbären-Fans. Mit Beginn des Spiels schauten sie konzentriert auf die Fernseher des Vip-Raums, ohne jegliche Euphorie. Sie unterstützten ihre eigene Mannschaft in strittigen Situationen, mehr nicht. „Es wäre komisch hier in Berlin den Meistertitel zu feiern, während die Mannschaft in Düsseldorf ist“, sagte Ralfs Kumpel Michael, der noch am lautesten über eine umstrittene Strafzeit gegen die Berliner protestierte. Als die DEG das 1:0 erzielte war das vorzeitige Stimmungstief erreicht. Mucksmäuschenstill blieb es nun bis zum Ende des ersten Drittels. Auch wenn die Fans den Meistertitel am liebsten mit ihrer Mannschaft feiern wollten, der Niederlage ins Auge blickend machte sich dann doch Enttäuschung breit. „Die Eisbären machen das Spiel und die Düsseldorfer das Tor“, lautete Ralfs ernüchterter Kommentar in der ersten Drittelpause. Die übrigen Balkongäste nickten zustimmend.

An dem bisherigen Spielverlauf sollte sich so schnell nichts ändern. Das zweite Drittel begann wie das erste aufgehört hatte. Trotz spielerischer Überlegenheit der Berliner schoss nur Düsseldorf Tore. Bezeichnend, dass sich die Stimmung in der O2-World mit dem 2:0 der Düsseldorfer zum Guten wendete. Direkt im Anschluss an das Tor hallte ein erstes „Kämpfen, Eisbären kämpfen“ durch die Lounge. Als hätte es die Mannschaft gehört, fiel nur eine Minute nach dem zweiten Tor der DEG der Berliner Anschlusstreffer. Nun standen die Anhänger hinter ihrer Mannschaft, nun war es egal, wo der Titel gefeiert werden würde, jetzt zählte einfach nur noch das Spiel selbst. Und eine Niederlage gegen Düsseldorf – das war nun, nach Ende des zweiten Drittels klar – wollte hier keiner. „Das war die Wende, jetzt dreht sich das Spiel“, prophezeite Michael per SMS seiner Freundin, die noch arbeiten musste. Und schob hinterher: „Dann halt doch in Düsseldorf.“

„Jetzt geht’s los“, so peitschten sich die Fans zum Auftakt des entscheidenden Spielabschnitts ein. Und los ging es tatsächlich. Gleich zu Anfang des letzten Drittels fiel der Ausgleich für die Berliner und die Fans reagierten. Längst hatte niemand mehr Zweifel daran, wer heute als Sieger vom Eis gehen würde. „Deutscher Meister werden nur wir“, hallte es nun bis zum Ende des Spiels durch den Raum. Als die Treffer zum 3:2 und 4:2 fielen, waren Ralf, Michael und alle anderen vollends euphorisiert. Trinkbecher flogen durch die Luft, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen und Ralf hämmerte vor Freude mit den Fäusten auf das Balkongeländer.

Wenn Hertha doch noch Meister werden sollte, dann weiß der Verein nun, wo er einen angemessenen Meisterschaftsbalkon findet. Die Eisbären-Fans machten es gestern vor. Ralf und Michael sangen „O, wie ist das schön“ und feierten sich nach dem Titelgewinn selbst. Die Mannschaft war ja leider in Düsseldorf.

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