Sport : Wie Gott in Frankreich

Tour-Sieger Lance Armstrong genießt den Jubel auf den Champs Élysées – Robbie McEwen hängt Erik Zabel auf der letzten Etappe ab

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Von Hartmut Scherzer

Paris. Das Ancien Régime der Tour de France hat einen seiner Regenten verloren. Während Lance Armstrong seine Triumphfahrt zum vierten Gesamtsieg auf den Champs Élysées genießen konnte, kämpfte Erik Zabel bei der letzten Etappe der Tour noch um das Grüne Trikot. Vergeblich: Zum ersten Mal seit 1996 verpasste Zabel den Titel des besten Sprinters. Der Australier Robbie McEwen gewann die Etappe und verhinderte den siebenten Sieg Zabels in der Punktwertung, die den 32-jährigen Berliner längst als unerreichten Rekordhalter führt. Der deutsche „Sportler des Jahres“ musste sich am Sonntag in Paris im Rückblick auf die 89. Tour de France mit seinem Gelben Trikot von Reims und seinem Etappensieg in Alencon – dem 12. seiner Tour-Karriere – trösten. Ein Resümee, das die meisten Radprofis der Welt überglücklich machen würde.

„Ich bin am 7.7.77 sieben Jahre alt geworden. Die Zahl hat für mich eine besondere Bedeutung. Aber auch ohne das siebte Grüne Trikot habe ich sicher keine armselige Tourleistung geboten. McEwen ist im Moment in Bezug auf die Endgeschwindigkeit und den Antritt der wahrscheinlich beste der Welt“, sagte der faire Verlierer, den der Verlust des Trikots nicht überraschen konnte. „Die Chance, es zurückzuholen, liegt bei 48 Prozent“, hatte Zabel, den die Schlagzeilen über den gar nicht anwesenden Jan Ullrich wieder in die zweite Reihe der öffentlichen Wahrnehmung versetzt hatten, vor dem Zeitfahren am vorletzten Tour-Tag vorgerechnet.

Für den Misserfolg suchte Zabel die Gründe bei sich. „Eine Schlussfolgerung der Saison 2002 wird sein, dass ich in Zukunft versuchen werde, etwas kürzer zu treten. Ich hatte die Rechnung für die anstrengende Vorsaison, in der ich 147 Renntage bestritt, schon im Februar und März erhalten. Im Mai und Juni lief es dann wieder besser bei mir. Aber ich bin schon frischer an einen Tourstart gegangen“, sagte Zabel.

Als Zabel die ersten Interviews führt, erklingt die amerikanische Nationalhymne auf den Champs-Élysées. Lance Armstrong im Gelben Trikot schließt die Augen und legt die rechte Hand aufs Herz. Im Hintergrund überragt die Silhouette des Arc de Triomphe das Zeremoniell.

Die 89. Tour de France ehrte nach 3277,5 Kilometern ihren überlegenen Sieger. Die Fortsetzung der Serie ist im nächsten Jahr zum hundertjährigen Jubiläum der Tour zu erwarten. „Ich werde noch ein paar Jahre dabei sein“, hat Armstrong versprochen. 2003 also der fünfte Sieg, 2004 vielleicht der sechste? Dann wäre der Texaner der alleinige Rekordmann vor den fünfmaligen Siegern Anquetil, Merckx, Hinault und Indurain. Doch nie würde Lance Armstrong diesen Ehrgeiz und dieses Ziel öffentlich auch nur andeuten.

Der 30-jährige Amerikaner muss seinen Platz in der Ruhmeshalle der Tour und des Sports nicht auf Zahlen gründen. Längst hat sich der charismatische Radstar in der Geschichte dieses Spektakels mit der Einmaligkeit seines Schicksals verewigt. Und das soll auch, so sein Wunsch, das Wichtigste bleiben: „Der Sieg eines Krebsüberlebenden.“ Noch in fünfzig Jahren und mehr möge man sich beim n Lance Armstrong in der Siegerliste der Tour an dieses Wunder erinnern, und nicht daran, wie oft er gewonnen hat und wie dominant er war.

Der vierte war sein leichtester Sieg. Lance Armstrong musste nur sich selbst und sein Team fordern. Herausgefordert wurde er nicht. Weder der Zweite, der Baske Joseba Beloki (7 Minuten und 17 Sekunden zurück), noch der Dritte, die Entdeckung Raimondas Rumsas aus Litauen (8:17), besitzen das Können und die Klasse, hatten weder den Mut noch die Moral, den Patron des Peloton anzugreifen, geschweige denn, ihn zu bedrohen. Sie waren froh, wenn sie so lange wie möglich an seinem Hinterrad kleben konnten, bis Armstrong mit seinem einzigartigen Trippeltritt beschleunigte und davonzog.

Da stellt sich die Frage, ob ein Jan Ullrich, gesund und in optimaler Form, die Rundfahrt interessanter gestaltet hätte. „Allein Jans Anwesenheit hätte die Sache für mich schwieriger gemacht“, räumte Armstrong ein. Im Vorfeld hatte der Amerikaner das Fehlen des Zweiten der beiden letzten Jahre bedauert: „Schade, dass Jan nicht hier ist. Es wäre besser für das Rennen und für mich.“

Der Fanatismus und die Besessenheit, die Disziplin und die Professionalität, die Akribie und die Intensität, mit der sich Armstrong seit Jahresbeginn auf die Tour de France vorbereitet und eingestimmt hatte, sind das Fundament seiner Dominanz. Der Chef begründet seine Überlegenheit mit der Stärke seiner Mannschaft, die die beste seit seinem Comeback im US Postal Team sei „und mir das Leben viel einfacher gemacht hat". Nicht die Abstände zu Beloki und Rumsas drücken seine Überlegenheit aus, sondern die Souveränität, mit der er Konkurrenz und Kurs kontrollierte. „Es zählt nur, dass du die Tour gewinnst, und nicht, mit welchem Abstand“, sagte Armstrong.

Es gab einen Tag, da frohlockten die Dominierten. Der Unantastbare verlor auf der neunten Etappe in Lorient das Zeitfahren – um ganze elf Sekunden – gegen den Kolumbianer Santiago Botero. Seine erste Niederlage in einem „Chrono“ (Prologe ausgenommen) seit seinem Tour-Comeback 1999. Der Spanier Igor Gonzalez de Galdeano behielt das Gelbe Trikot. Er sei verwundbar, nicht mehr so stark, konnte Armstrong lesen und hören. „Ich hatte einen schlechten Tag“, gab er zu und amüsierte sich über die Töne der Spanier, des Teams Once (schnellstes im Mannschaftszeitfahren) und dessen Sportdirektor Manuel Saiz.

Schon in den Pyrenäen ließ Armstrong die Spanier kleinlaut werden, gewann imponierend die Etappen am Tourmalet und auf das Plateau-de-Beille. Am Mont Ventoux wurde er Zweiter und distanzierte seine Rivalen erneut. In den Alpen passierte nichts mehr. „Jeder hat es gesehen: Es gab keine Angriffe“, wunderte sich Armstrong. Die vorlauten Spanier hatten resigniert. Nach dem Prolog und zweimal in den Pyrenäen errang Lance Armstrong im zweiten Zeitfahren über 50 km in Macon seinen vierten Etappensieg. Eine Prestigesache am Tag vor dem Finale, weniger wegen der Niederlage von Lorient („Ich war nicht auf Revanche aus"), sondern „zu Ehren des Gelben Trikots“.

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