Sport : Wie Gott in Frankreich

Marcel Reif

Die EM kommentiert von

Er ist noch nicht vorbei, der Traum, dass es Schönheit gibt im Leben – auch wenn es viel zu heiß war, der Ball viel zu hart und die Luft viel zu trocken am Sonntag in Lissabon. Es bedarf zur Verwirklichung allerdings eine Menge: Es braucht dazu 22 Männer, die Fußball spielen können und wollen, denen die Lust am Spiel aus allen Poren quillt, es bedarf – und nach diesem Spiel ist Pathos Pflicht – 22 Götter am Ball. Sie heißen Zidane und Pirès und Vieira und Barthez und Beckham und Scholes und Rooney und Lampard, und sie sind Franzosen und Engländer – und man kniet nieder vor ihnen. Vor den Franzosen, die von einem fernen Stern herabgestiegen sind, vor den Engländern, die die Franzosen ins Land geholt haben, um zu lernen. Und wie sie gelernt haben, wie der junge Rooney die Zidane-Pirouette dreht, es war zum Jauchzen.

Nichts, was fehlte in diesem Ereignis. Nicht der Stolz, mit dem David Beckham, der Popstar, die Kapitänsbinde trug, nicht der Mut, mit dem eben dieser Beckham seine Kapitänspflicht erfüllte und zum Elfmeter antrat, nicht die Tragik, mit der er scheiterte an einem Torwart, der ihn wahrscheinlich besser kennt als Gattin Victoria. Nichts fehlte, auch nicht die Würde, mit der der geschlagene Beckham und der obsiegende Zidane am Ende herunterstiegen vom Feldherrenhügel und sich huldigten. Allein, wer tröstet die Engländer? Ich vermute, der richtige Gott dort oben. Ich vermute, er hockt dort, ist zufrieden mit seinen Abgesandten und singt sich eins: „You’ll never walk alone.“

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