Sport : Wie hältst du’s mit dem Unentschieden?

Über eine Frage, die jeder Fußballfan für sich beantworten muss

Wolfram Eilenberger

Und, wer hat gewonnen? Niemand. Wer so antwortet, kehrt vom Fußball heim. Im Sport fast flächendeckend geächtet und untersagt, findet das Unentschieden dort seinen letzten populären Hort. Doch auch im Fußball wird das Unentschieden, dieser Bastard unter den Resultaten, systematisch abgewertet und zunehmend ausgegrenzt. Wenn nicht alles täuscht, neigt sich seine Zeit dem Ende entgegen. Natürlich ist das keine Frage von Wochen oder Monaten, eher Jahrzehnten. Aber wer wollte heute darauf wetten, dass bei uns in zehn Jahren noch unentschieden gespielt wird?

Rückblickend wird die Einführung der Drei-Punkte-Regel im Jahre 1995 den eigentlichen Einschnitt markiert haben. Einziges Ziel dieser Maßnahme war die Abwertung des Unentschieden. Bis heute, fast zehn Jahre danach, sprechen wir bei Unentschieden beschönigend von einer Punkteteilung, dabei werden von drei möglichen nur zwei Punkte ausgeschüttet. Der dritte bleibt vorenthalten, gerade so, als ob die betroffenen Mannschaften etwas falsch gemacht hätten. Motivierend für diesen Strafabzug war offenbar die Gleichsetzung des Unentschieden mit Torarmut, Mauertaktik und Spielzerstörung. Im Gegensatz zu den Abseits- und Rückpassregeländerungen ist die Abwertung des Unentschieden als Spielöffnungsmaßnahme allerdings wirkungslos verpufft. Unentschieden sind seither nicht seltener geworden, was gewiss daran liegt, dass die Verbindung von Remis und Spielzerstörung von vorneherein ein Hirngespinst war. Geblieben ist eine absurde Gewichtung. Sollte beispielsweise Inter Mailand (bislang 25 Tore in 13 Spielen, davon 11 Unentschieden) weiter so spielen, könnte es als offensivfreudigstes Team seiner Liga dieses Saison tatsächlich ungeschlagen absteigen.

Wir müssen uns heute mehr als je fragen, was aus fußballtheoretischer Sicht gegen das Unentschieden spricht. Steht es etwa für fehlenden Einsatz, mangelnde taktische Ordnung oder Angriffsscheu? Nein, im Gegenteil! Gerade bei intensiv und verbissen geführten Begegnungen – Derbys zeigen dies – ist das Remis Regelresultat. Eine von hochklassigen Mannschaften hochklassig geführte Partie wird notwendig zum Unentschieden tendieren. Aus der Perspektive des Fans schließlich ist der Spannungsbogen eines Unentschieden schlicht unüberbietbar. Es ist bis zur letzten Sekunde offen, gefährdet, spannend.

Dennoch hat das Unentschieden kaum Fürsprecher und steht in öffentlicher Dauerkritik. Pressekonferenzen sind ein hervorragender Indikator für seine Krise. Immer öfter müssen sich Trainer – und dann auch noch gemeinsam! – nach Spielschluss für ein Unentschieden entschuldigen. Ein Punkt nur, wem darf das noch genügen? Wer will damit noch leben können? Wäre wirklich nicht mehr drin gewesen?

Die Tendenz zur Abwertung, wenn nicht Auslöschung des Unentschieden ist natürlich ein sportübergreifendes Phänomen. Befördert wird sie zunächst von der archaischen Überzeugung, es müsse am Ende stets einen Sieger und damit Besiegten geben. Flankiert wird diese Erwartung von einer Logik der Zweiwertigkeit, die das gesamte abendländische Denken durchherrscht. Nach ihr gibt es immer nur zwei Alternativen: wahr oder falsch, ja oder nein, schwarz oder weiß, mit oder gegen uns. Es kann nur einen geben! Die psychologische wie faktische Unterbewertung des Unentschieden resultiert so gesehen aus einem enttäuschten Bedürfnis nach Eindeutigkeit.

Man muss deshalb kein Prophet sein, um zu erkennen, wohin die Entwicklung im Fußball weist. Bei zunehmender Polarisierung, permanent verschärftem Konkurrenzgespür sowie einer massiven Sehnsucht nach eindeutigen Werten wird das Unentschieden weiter unter Regeldruck geraten. In Nordamerika ist es bereits heute so gut wie restlos aus der Sportkultur entfernt. Jedes Ballsportereignis erzwingt dort einen Sieger.

Also, wie hältst du’s mit dem Unentschieden? Diese Frage ist gleichbedeutend mit der Frage, welches Urbedürfnis ein Fußballspiel befriedigen, welche Sehnsucht es bedienen soll: entweder den Drang zur Eindeutigkeit des Sieges samt dem damit verbundenen Wunsch zur Selbsterhöhung, oder die Sehnsucht nach der spieltypischen Erfahrung der Schwebe, Offenheit und Ambivalenz?

Wir, die bekennenden Freunde des Unentschiedens, haben angesichts dieser Alternative eine glasklare Antwort parat. Wir wollen einfach beides auf einmal. Und wir können auch beides – ein gutes Unentschieden beweist dies – für 90 lange Minuten haben. Das ist ja der eigentlich göttliche Punkt am Fußball. Es ist ein Punkt, mit dem wir sehr gut leben können.

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