Sport : Wie hältst du’s mit der Treue?

Die Ermittlungen im Fall Calmund zeigen: Es geht wohl nicht mehr um Spielmanipulationen oder Bereicherung, sondern um den unverantwortlichen Umgang mit fremdem Geld

Jürgen Zurheide[Köln]

Langsam tauchen die Ereignisse aus dem Nebel auf. Die Kölner Staatsanwaltschaft versucht gegenwärtig zu ergründen, wohin jene 580 000 Euro geflossen sind, die der frühere Bayer-Manager Reiner Calmund im Juni 2003 in bar an den Spielervermittler Volker Graul übergeben haben will. Inzwischen lassen sich in ersten Umrissen die Ereignisse aus jenen Tagen im Sommer 2003 rekonstruieren, die mit einem Jahr Verzögerung zum überraschenden Ende der Arbeit von Reiner Calmund für Bayer Leverkusen geführt haben. Während Calmund damals davon sprach, „körperlich platt und ausgebrannt“ zu sein, hielten sich hinter den Kulissen hartnäckig Gerüchte um Calmunds großzügigen Umgang mit dem Geld des Vereins – inzwischen ist bekannt geworden, dass er selbst Bemerkungen über Spielmanipulationen gemacht hat.

Dass das Geld für Spielmanipulationen verwendet worden ist, halten die Kölner Ankläger inzwischen für ausgeschlossen. Auch Volker Graul, Calmunds Kumpan bei Geschäften mit Spielern vom Balkan, hat die Ankläger mit einer Darstellung seines Anteils an den umstrittenen Deals überzeugt. Graul habe „das zwar komisch gemacht“, aber am Ende nichts an der Sache verdient, urteilen die Ankläger zum jetzigen Zeitpunkt. Graul ist offenbar mehrfach in Serbien und Kroatien unterwegs gewesen, hatte Kontakt zu Spielern und ebenso mächtigen wie dubiosen Hintermännern. Allerdings hat er vieles davon nicht besonders sauber dokumentiert.

Dies war auch bei der Buchprüfung am Jahresende 2003 im Bayer-Konzern aufgefallen. Man registrierte verwundert, dass drei nicht zuzuordnende Schecks über insgesamt 580 000 Euro zu Barabflüssen vom Konto geführt hatten. Insgesamt viermal fragte man Calmund nach den Hintergründen – doch der schwieg. Erst am 20. April 2004 flatterte ein Schreiben von Volker Graul ins Haus, in dem der Spielervermittler bestätigte, 580 000 Euro für zwei Kaufoptionen an den Spielern Delebasic und Srna erhalten zu haben. Wenige Tage später schickte Graul eine konfuse Rechnung hinterher, kurz darauf noch eine über die fehlende Mehrwertsteuer. Die überwies Bayer, doch weil man weder das Geschäft noch die Hintergründe nachvollziehen konnte, waren die Wirtschaftsprüfer des Konzerns gezwungen, den Vorgang als nicht abzugsfähige Betriebsausgabe auszubuchen – ein Vorgang, der jedes Finanzamt hellhörig macht.

Die Ermittler sind in diesem Zusammenhang auf weitere Ungereimtheiten gestoßen. Auf einem der drei Schecks ist von einer „Vorauszahlung J. Figer“ für „Transfers 03/03“ die Rede. Die Spur wird also zu jenem Vermittler aus Montevideo gelegt, mit dem Calmund etliche Südamerika-Geschäfte abgewickelt hat. Dass dies falsch ist, wissen die Ermittler inzwischen. „Vielleicht hatte Calmund den Überblick verloren“, lautet ihre jüngste Arbeitshypothese, „vielleicht ist der nicht so clever, wie er alle glauben macht.“ Calmund selbst mag sich nicht mehr zu dem Fall äußern. „Ich riskiere meine Pension doch nicht“, erklärt er auf Nachfrage.

Einen Einblick in die Welt der Optionsgeschäfte im Fußball haben die Ermittler im Fall Cacau erhalten. Der frühere Nürnberger Stürmer war Calmund angeboten worden. Calmund hatte zugegriffen und sich 2002 eine Option gesichert, den Brasilianer später zu einem festgelegten Gehalt nach Leverkusen zu locken. Bei Bayer zweifelte man jedoch an der Sinnhaftigkeit des Geschäftes. Weil Calmund bereits sein Wort gegeben hatte, zog Mitgeschäftsführer Wolfgang Holzhäuser zwar die Option, bot aber nur noch die Hälfte des Gehaltes; Cacaus Berater lehnte wie erhofft ab. Bayer musste lediglich die Optionsgebühr von 145 000 Euro zahlen.

Auch die Transferversuche mit den Spielern vom Balkan zwischen Calmund und Graul liefen offenbar ohne Schriftverkehr, dafür mit Ehrenworten und noch mehr Bargeld ab. Zumindest will Bayer- Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser nicht bestätigen, dass dokumentierte Optionen vorlagen. Er betrachtet es jedoch als „abwegig“, dass sich Calmund bereichert habe: „So was macht der nicht.“

Die Ermittler haben inzwischen auch öffentlich zu Protokoll gegeben, dass sie nicht glauben, dass Calmund sich persönlich bereichert hat. Allerdings: „Für den Tatbestand der Untreue spielt das keine Rolle“, sagt der Leiter der Kölner Staatsanwaltschaft, Jürgen Kapischke. Im Kern geht es in den Ermittlungen gegen Calmund nun um die Frage, ob er als Manager von Bayer Leverkusen mit dem ihm anvertrauten Geld rechtmäßig umgegangen ist. Der Bundesgerichtshof hat dazu im Fall Josef Ackermann eindeutig geurteilt: Der heutige Chef der Deutschen Bank durfte die Abfindungen für den ehemaligen Mannesmann-Chef Klaus Esser nicht so freihändig ausschütten, wie er es getan hat – es war nicht sein Geld. Ähnlich sieht es wohl auch im Fall der 580 000 Euro aus, die Calmund in bar weitergab.

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