Sport : Wie im College

Vom Basketball-Europameister Litauen können die USA lernen

Benedikt Voigt

Stockholm. Im Trubel der Siegerehrung blieben einige grüne Trainingsanzüge hinter der Ersatzbank liegen. Ein Mann mit Bart sammelte sie ein und trug sie den litauischen Basketballern hinterher. „Es ist mir eine Ehre, diesem Land zu dienen“, sagt Donnie Nelson und umklammert wie zum Beweis die übrig gebliebenen Kleidungsstücke. Bei der EM in Schweden arbeitete der Assistenztrainer des NBA-Vereins Dallas Mavericks zum wiederholten Male im Trainerstab der litauischen Nationalmannschaft. „Litauen hat nur 3,5 Millionen Einwohner, das ist wie eine Familie“, sagt Nelson, „deshalb sind wir alle ein bisschen litauisch.“

Seit Sonntag darf sich der US-Amerikaner, der sich so litauisch fühlt, auch Europameister nennen. Allerdings blieb Donnie Nelson nach dem litauischen Finalsieg gegen Spanien (93:84) im Hintergrund. „Ich bin hier, um zu lernen“, sagte Nelson. Er sah eine überragende litauische Mannschaft, die sich nach einem schwierigen Auftaktspiel gegen Lettland immer mehr steigerte. Auch Deutschland hatte im Gruppenspiel keine Chance. „Was hier passiert ist, erinnert mich an die College-Meisterschaft in den USA“, sagte Nelson, „da gibt es immer wieder ein Cinderella-Team, das im Turnier heiß läuft.“

Nacheinander entzauberten die Litauer alle NBA-Stars des Turniers. Auch der Spanier Pau Gasol ging im Finale als Verlierer vom Feld. Obwohl der 2,15 Meter große Centerspieler von den Memphis Grizzlies 36 Punkte erzielte und 13 Rebounds fing, sah er nach dem Schlusspfiff nicht glücklich aus. „Ich war etwas von meinem Spiel enttäuscht“, sagte Gasol. Juan-Carlos Navarro mit 18 Punkten und Jorge Garbajosa mit 17 Punkten halfen ihrem Star zwar in der Offensive. Aber drei gute Spieler genügen gegen Litauen nicht. „Wir haben zwölf Spieler“, sagte Donnie Nelson. Von diesen wird nur Darius Songaila in der kommenden Saison in der NBA bei den Sacramento Kings spielen.

Womöglich aber bekommt irgendwann auch Aufbauspieler Sarunas Jasikevicius, der in der nächsten Saison bei Maccabi Tel Aviv spielt, ein Angebot aus der besten Liga der Welt. Im Finale erzielte er zehn Punkte und kam auf neun Assists. Anschließend wählten ihn die Experten zum wertvollsten Spieler des Turniers. „König von Europa“, nannte ihn ein Journalist sogar, weil der Litauer mit dem FC Barcelona in der vergangenen Saison neben dem Europaligatitel auch Spaniens Meisterschaft und den Pokal gewann. „Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Platz“, sagt der 27-Jährige, „ich denke, mein Timing war in diesem Jahr ganz okay.“

Überraschend sicherte sich Italien Rang drei und damit neben Spanien und Litauen Europas letzten freien Platz für die Olympischen Spiele in Athen. Ohne NBA-Spieler schlugen die Italiener Frankreich 69:67, das mit vier NBA-Spielern antrat. „Es ist unglaublich, dass Frankreich nicht in Athen dabei sein wird“, sagte Donnie Nelson.

Für die Erfolglosigkeit der NBA-Spieler in Schweden hat der US-Trainer ein einfache Erklärung. „Die Verteidigung und das Coaching sind in Europa besser geworden.“ Europas Mannschaftsspiel könne sogar das Spiel in der NBA beeinflussen. „Das hat es schon", sagt Nelson. Spätestens seit die Zonenverteidigung in der NBA wieder eingeführt wurde, sähe man weniger eindimensionales, langweiliges Einzelspiel.

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