Sport : Wie im Kindergarten

Ernst Podeswa

Renate Groenewold wollte nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen. Und so vermied es die EM-Dritte im Mehrkampf bei der Siegerehrung, den beiden vor ihr Platzierten per Handschlag zu gratulieren. Die Holländerin dürfte bemerkt haben, dass dies auch zwischen der Europameisterin Anni Friesinger und der EM-Zweiten Claudia Pechstein nicht passiert war. Statt eitel Sonnenschein über den Doppelerfolg war eisiger Frost zwischen beiden Kolleginnen und Kontrahentinnen auszumachen. Dies hatte die bayerische Frohnatur Friesinger mit einer flapsig-unbedachten Bemerkung unmittelbar nach dem 5000-m-Rennen verursacht. "So krank kannst du ja nicht gewesen sein", sagte sie vor laufender ARD-Kamera zu der Berlinerin, die mit 0,15 Sekunden Vorsprung Friesingers Vierstrecken-Triumph verhindert hatte.

Pechstein blieb zunächst die Spucke weg - oder aber die 29-Jährige wollte die Situation nicht eskalieren lassen. Später aber zeigte sich die erkältete Pechstein mit heiserer Stimme empört. Sie finde die Äußerung "total unfair. Das würde ich zu einer Gegnerin nie sagen. Aber das unterstreicht nur, wie ich sie einschätze: Sie sagt immer wieder etwas, ohne zu überlegen."

Eine Anspielung auf die Einzelstrecken-WM im März des Vorjahres. Da platzte in Salt Lake City der Wortlaut eines Friesinger-Interviews mit dem "Hamburger Abendblatt" in die erfolgstrunkene harmonische Stimmung. Bei dem "engstirnigen Trainingssystem" wie in den östlichen Zentren Erfurt und Berlin wäre sie nie Weltmeisterin geworden. Dort gäbe es zwischen Trainern und Sportlern nur "Zweckgemeinschaften". Man würde sich mit "Sie" anreden und hätte im Training nicht so viel Spaß wie in Inzell. "Wenn ich nicht mit viel Fun trainiere, bleibt der Erfolg aus." Die Weltmeisterinnen Gunda Niemann-Stirnemann (Erfurt), Claudia Pechstein und Monique Garbrecht-Enfeldt (Berlin) wiesen dies als Unterstellungen und ungehörig zurück. Doch viele hatten einen neuen Ost-West-Konflikt ausgemacht. Cheftrainer Helmut Kraus (München) versuchte die Wogen zu glätten. Anni Friesinger habe ein "paar unglückliche Formulierungen gewählt". Und es sei doch gut, mit unterschiedlichen Modellen zu großen Erfolgen zu kommen.

Die Sache schien bis gestern vergessen. Bis Friesinger, von einigen Medien gelobt für ihre "spontanen und unbekümmerten" Wortmeldungen, wieder einmal verbal explodierte. Claudia Pechstein vermutet, "dass sie sich wohl darüber geärgert hat, dass ich ihr den Streckensieg vermasselt habe". Und Pechstein wolle nicht mit gleicher Münze zurückzahlen, "denn ich habe ja ihre angeblichen Rücken- und Schulterprobleme sowie das Malheur mit dem Schlittschuh auch nicht angezweifelt." Eigentlich käme sie sich "wie im Kindergarten" vor. Bei der EM hat sich dennoch der Erfolg eingestellt. Fragt sich nur, ob das auf Dauer nicht auch zu Verlusten führt, wenn eine Vorläuferin sich dazu berufen fühlt, Teamgefährtinnen in aller Öffentlichkeit abzuwatschen.

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