Sport : Wie im Rausch

Andrea Henkel vergoss Tränen der Freude, der Bundestrainer schüttelte ungläubig den Kopf: Mit dem sensationellen Olympiasieg über 15 km feierte die 24-jährige Thüringerin eine grandiose Olympia-Premiere und bescherte den deutschen Skijägerinnen einen traumhaften Einstand bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City. Fast unbemerkt von der Konkurrenz lief die Oberhoferin am Montag in Soldier Hollow das Rennen ihres Lebens und verwies in 47:29,1 Minuten (1 Schießfehler) die favorisierten Liv Grete Poiree aus Norwegen (7,9 Sekunden zurück) und Magdalena Forsberg aus Schweden (39,2) auf die Ränge.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Große Freude gab es anschließend auch bei den Männer. Auch bei ihnen sorgte ein Oberhofer für einen Medaillengewinn, diesmal über 20 Kilometer. Der 34 Jahre alte Thüringer musste sich lediglich dem Norweger Ole Björndalen geschlagen geben. Den dritten Platz belegte Viktor Maigourow.

Genau auf den Tag zehn Jahre nach Antje Misersky-Harvey trug sich Andrea Henkel als zweite deutsche Biathlon-Olympiasiegerin in einer Einzelkonkurrenz in die Annalen ein. Ihre Vorgängerin, die nicht weit von der Olympia-Strecke in Heber City wohnt, wurde vor dem Start von den Organisatoren geehrt. Dass sie nach dem Zieleinlauf ebenfalls Olympiasiegerin sein könnte, hatte Andrea Henkel nicht einmal im Traum gedacht. "An einen Sieg habe ich nicht den geringsten Gedanken verschwendet. Ich kann das noch gar nicht begreifen", sagte die strahlende Gewinnerin.

Im Ziel spielten sich turbulente Szenen ab. Erst fiel Andrea Henkel ihrer Schwester Manuela in die Arme, dann wurde sie von ihren Teamkolleginnen auf Schultern durch die Mixed Zone getragen. "Ich habe geweint. Es war viel aufregender, als wenn ich selber gelaufen wäre. Es war ihr schnellstes Rennen. Erstaunlich, wie cool sie am Schießstand geblieben ist", jubelte Langläuferin Manuela Henkel, die am Dienstag über 10 km in die Loipe geht.

Andrea Henkel kam sich vor wie im Märchenfilm. "Ich war heute Morgen ganz schön müde, so war ich gar nicht aufgeregt. Es war eigentlich ein ganz normaler Tag. Ich habe gar nicht daran gedacht, dass Olympia ist", meinte die Oberhoferin, die sich vor allem über ihr läuferisches Vermögen wunderte: "Ich kann gar nicht fassen, dass ich so schnell gelaufen bin."

Auch Bundestrainer Uwe Müßiggang war völlig aus dem Häuschen. "Damit habe ich nie und nimmer gerechnet. Ich bin davon ausgegangen, dass sie nur gewinnen kann, wenn sie Fehler frei schießt", sagte der Thüringer. Andrea Henkel steigerte sich nach einem langsamen Beginn in einen Rausch und verblüffte die Weltelite mit einer starken Laufleistung. "Ich hatte extrem gute Ski", lobte die Oberhoferin. Ihres Sieges sicher sei sie sich aber erst gewesen, als die zweitplatzierte Liv Grete Poiree im Ziel war. "Das hätte ich ihr nicht zugetraut", gab die Norwegerin zu. Und Top-Favoritin Magdalena Forsberg lobte: "Das ist eine große Leistung. Mit ihr habe ich nicht gerechnet."

Martina Glagow (Mittenwald) als Siebte und Uschi Disl (Moosham) als Zwölfte komplettierten das hervorragende deutsche Ergebnis. "Das ist saugeil, dass ich jetzt eine Olympiasiegerin im Zimmer habe", frohlockte Glagow, die mit ihrer Leistung "total zufrieden" war. Uschi Disl vergab eine mögliche Medaille mit einer Fehlerserie beim letzten Schießen. Gleich drei Mal zielte die bis dahin in der Spitzengruppe positionierte Bayerin daneben. Katrin Apel büßte ihre Chance ebenfalls beim Schießen ein. Gleich fünf Fehler warfen die 28- jährige Oberhoferin im Klassement auf Rang 18 zurück.

Der große Triumph von Andrea Henkel traf ihre Eltern im thüringischen Großbreitenbach völlig unvorbereitet.Zur Feier des Tages gab es deshalb nur lauwarmen Sekt. Nach dem sensationnellen Biathlon-Olympiasieg von Andrea Henkel in Salt Lake City liefen daheim die Leitungen heiß. "Ich komme gar nicht dazu, zu begreifen, was Andrea da geschafft hat. Ständig läutet das Telefon. Nicht mal unsere Oma und der Bürgermeister sind durchgekommen", erzählte Mutter Elke.

Nur kurz konnte sie zwischendurch mit Ehemann Mathias auf den Triumph ihrer jüngsten Tochter anstoßen. "Wir hatten überhaupt keinen Sekt kaltgestellt. Erstens hätten wir nie mit so einem Erfolg gerechnet, zweitens bin ich abergläubisch", sagte die stolze Mutter.

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