Sport : Wie im Vorprogramm der Rolling Stones

Trotz der größeren Erfolge stehen die Nordisch Kombinierten im Schatten der Skispringer Sven Hannawald und Martin Schmitt

Raim,Witkop

Oberhof. Wintersport hat etwas von Musik. Denn ein bisschen ist es so wie im Vorprogramm der Rolling Stones: Dort spielen immer Bands, die etwas hermachen, und viele Zuschauer sind garantiert. Aber letztlich ist man nur der Pausenfüller, alles schnattert aufgeregt über den kommenden Haupt-Act. So haben es sich die Nordisch Kombinierten selbst ausgesucht, im Vergleich zu den Spezialspringern: Am kommenden Dienstag findet ihr Weltcup in Oberhof statt, gleichzeitig mit der Qualifikation für das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen. In der Fernsehwirklichkeit, die auch im Wintersport die ausschlaggebende ist, sind die Kombinierer – bei RTL – aber nur die Garnitur für die umschwärmten Springer. „Wir haben jahrelang von der Popularität der Springer profitiert“, sagt Bundestrainer Hermann Weinbuch. „Vielleicht ist es an der Zeit, ihnen Konkurrenz zu machen.“ Das könnte sich lohnen, denn die Kombinierer landen einen Hit nach dem anderen, während die „Glimmer Twins“ (so nennt sich das Komponistenpaar der Rolling Stones, Mick Jagger und Keith Richards) Martin Schmitt und Sven Hannawald trotz des Sieges in Oberstdorf noch Schwankungen bieten.

Vor zwei Jahren stießen Ronny Ackermann und Marko Baacke in die Weltspitze, in diesem Winter gewann der 19-jährige Björn Kircheisen die ersten drei Weltcups an einem Wochenende. Damit nicht genug: Nicht weniger als 13 Deutsche sind aktuell im A-Weltcup der besten 45 Athleten startberechtigt. Der Weltcup kommt am 3. Januar noch einmal nach Oberhof (als Ersatz für das schneefreie Reit im Winkl) und am 5. Januar nach Schonach. Längst ist klar, dass die Deutschen zur WM im Februar ein halbes Dutzend Athleten zu Hause lassen müssen, die in anderen – traditionell starken – Ländern einen sicheren Startplatz hätten. Gut möglich, dass in naher Zukunft Deutsche für Liechtenstein oder Monaco starten. „Lieber so als anders herum“, findet Weinbuch, der „anders herum“ – nämlich fernab der Spitze – schließlich lange genug verwalten musste.

Die jüngsten Erfolge der Kombinierer sind ein erstaunliches Beispiel für den Erfolg langfristiger Basisarbeit. Als Weinbuch das Amt vor sechs Jahren übernahm, rund ein Jahrzehnt nach seinen eigenen großen Erfolgen als Athlet, lag der Sport nahezu am Boden. Die Förderung in regionalen Stützpunkten und dort wiederum besonders von Zehn- bis Zwölfjährigen war, wie heute jeder sieht, der richtige Weg; die dafür nötige Geduld konnte aber nur der wegen seiner Prominenz kaum angreifbare Weinbuch vom Skiverband verlangen. Kircheisen und etliche weitere Talente seines Alters profitieren jetzt von den konditionellen Grundlagen, die ihnen im Schüleralter vermittelt wurden. „Ich habe harte Kritik eingesteckt, weil es so langsam ging“, erinnert sich der Trainer. „Dieselben Leute gratulieren mir heute.“ Das sollten sie wohl, denn nebenbei musste Weinbuch auch noch eine Abwanderungswelle vieler Talente zu den Sprungspezialisten kompensieren. Dort, wo RTL die „Formel 1 des Winters“ inszeniert, lockten Popularität und auch Geld. Die Kombinierer hatte der Privatsender im Paket mit gekauft, sie zuletzt aber – mit Ausnahme der jetzt anstehenden deutschen Wettbewerbe – an ARD und ZDF weitergegeben. Die wiederum reißen sich um das neue Erfolgsmodell des deutschen Wintersports. „RTL hat uns den dauerhaften Erfolg wohl nicht zugetraut“, sagt Weinbuch. „Was schade ist, weil die das schon gut können.“ Mag sein, dass man den Entschluss bei RTL schon in dieser Woche bereuen wird, wenn nämlich das Beiprogramm der Hauptattraktion – was die Erfolge angeht – die Show stiehlt. Vorzeigbare Typen haben die Mehrkämpfer übrigens ebenso zu bieten wie die Spezialisten, die mit ihrer smarten Natürlichkeit Triumphe bei weiblichen Teenagern feiern. Der Unterschied ist nur, dass die Kombinierer noch kaum jemand kennt.

Vorerst müssen sie sich damit herumschlagen, sich selbst quasi auf den Füßen zu stehen. „13 Leute im Weltcup, da bekommt man ganz schwer Zug hinein“, sagt Weinbuch. Wahrscheinlich wird der internationale Verband Fis eingreifen und den Deutschen aus Gründen des Gleichgewichts einige Plätze streichen. Nicht schön – aber solche Probleme möchten andere haben.

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