Sport : „Wie Insiderhandel“

Der Wettexperte Jens Leinert über Manipulationen und mafiöse Strukturen

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Herr Leinert, wie kann ich am besten manipulieren?

Natürlich indem ich jemanden habe, der mir einen bestimmten Ausgang eines Ereignisses garantiert. Die Frage ist aber eigentlich, wie ich als Wettanbieter verhindern kann, dass im großen Stil auf schon vorher bekannte Spielausgänge gesetzt wird.

Wie passiert das?

Wenn Sie gleich in ein Wettlokal an der Ecke gehen und 500 Euro auf ein Fußballspiel setzen wollen, wird diese Wette sofort vom Buchmacher geprüft. Die staatlichen Anbieter wie Oddset haben ihr eigenes System, die privaten Wettanbieter sind über verschiedene Warnsysteme weltweit miteinander vernetzt. Das ist eine Frage der Software. Da wird sofort online registriert, wenn das Volumen einer Wette ungewöhnlich hoch ist beziehungsweise ungewöhnlich viel auf einen unwahrscheinlichen Ausgang gesetzt wird. Solche Wetten werden dann blockiert. Außerdem können die Anbieter selbst angenommene Wetten bei Auffälligkeiten wieder stornieren.

Im aktuellen Skandal ist immer wieder die Rede davon, dass die hohen Einsätze bei Manipulationsversuchen auf viele Wettlokale verteilt werden, um nicht aufzufallen.

Auch das fällt auf. Etwas schwieriger wird es, wenn auf das Ereignis mit dem bekannten Ausgang zusammen mit anderen Spielen in einer Kombinationswette – beispielsweise mit „Bank-Wetten“, also Favoritensiegen wie FC Bayern gegen den 1. FC Köln – gesetzt wird.

Man kann ja auch auf detaillierte Ereignisse in einem Spiel wie eine rote Karte, den ersten Torschützen oder den genauen Spielausgang wetten. Je unwahrscheinlicher das Ereignis, desto höher die Quote. Da bringt eine Manipulation doch wesentlich mehr Ertrag.

Es kann passieren, dass in der dritten türkischen Liga ein Torwart sagt, heute lass ich gegen meine alten Kumpels einen rein und dann 50 000 Euro statt sonst insgesamt 20 000 auf so ein Spiel gesetzt werden. Dann ändert sich aber auch die Quote, man kann sich das theoretisch wie den Handel mit Insiderinformationen an der Börse vorstellen.

Damit lässt sich viel Geld verdienen, weil das meist erst hinterher bekannt wird.

Die strukturell größten Möglichkeiten für Betrüger bei Sportwetten bieten wohl die staatlichen Anbieter wie bei uns Oddset, weil sie am Anfang der Woche ihre Quoten festlegen und nicht auf jede Transaktion in den Annahmestellen schnell reagieren können. Da sind die privaten Anbieter flexibler, es ist in ihrem eigenen Interesse, den Markt transparent zu halten.

Wie viele gekaufte Leute benötige ich überhaupt für eine Manipulation?

Ich halte es für unmöglich, in einer höheren Liga in Deutschland einen genauen Spielausgang zu manipulieren. Dazu brauchen sie einen sehr hohen Organisationsgrad, also mafiöse Strukturen und Einfluss auf 22 Spieler. Wie beim jüngsten Skandal in Belgien, als mit viel Macht in der ganzen Liga manipuliert wurde.

Interview: Mathias Klappenbach

Jens Leinert, 40, ist Consultant im Payment- und Betting-Bereich und einer der wenigen deutschen Experten für das Wettgeschäft. Er ist Autor der Studie „Marktreport: Online Wetten 2005.“

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