• Wie Leverkusen ein kurioses Fußballspiel gewann und daraus Mut für die Champions-League schöpfte

Sport : Wie Leverkusen ein kurioses Fußballspiel gewann und daraus Mut für die Champions-League schöpfte

Stefan Hermanns

Auf dem Weg in die Kabine rupfte sich Ciriaco Sforza die Kapitänsbinde vom Arm und schmiss sie vor Wut in die Ecke. "Das ist eine Frechheit hier!", schrie er, drehte sich um und verschwand. Keine Angst: Es gibt keinen neuen Streit mit Otto Rehhagel um Menschenführung, Taktik oder Trainingslehre. Die Angriffe des Schweizer Mittelfeldspielers richteten sich diesmal gegen den Schiedsrichter und fanden des Trainers volles Einverständnis. "Ihr solltet euch was schämen", rief Rehhagel Uwe Kemmling und seinen Assistenten hinterher, als sie den Platz verließen. Axel Ulmer, Justiziar des 1. FC Kaiserslautern, zog in seiner ersten Erregung gar in Erwägung, Protest gegen die Wertung der 1:3-Niederlage in Leverkusen einzulegen.

So sind sie in Kaiserlautern. Bei Niederlagen wähnen sie sich immer gleich als Opfer einer geheimen Verschwörung. Aber was soll ein Schiedsrichter denn machen, wenn Andreas Buck kurz hinter der Mittellinie seinem Gegner Thomas Brdaric von hinten in die Beine springt? Das Reglement schreibt nun einmal vor, dass eine derartige Attacke die Rote Karte nach sich zieht. Kemmlings Platzverweis gegen Buck fünf Minuten nach Beginn der zweiten Hälfte war daher durchaus regelkonform. Da nützt es auch nichts, wenn Otto Rehhagel über Buck sagt, der sei "ungefähr der fairste Spieler, den es überhaupt gibt." Mag sein. Als der Cleverste hat er sich jedenfalls nicht erwiesen.

Als Buck gehen musste, führte seine Mannschaft 1:0, als das Spiel vorbei war, hatte Kaiserslautern 1:3 verloren. Der Platzverweis als Schlüsselszene. "Sicherlich eine sehr entscheidende Situation", fand auch Leverkusens Trainer Christoph Daum. Er sei aber überzeugt, dass seine Mannschaft auch gewonnen hätte, wenn die Lauterer das Spiel in kompletter Besetzung beendet hätten. Beweisen lässt sich diese These nicht mehr, doch sie unterstreicht das Selbstvertrauen, das die Leverkusener, den Tabellenführer der Bundesliga, im Herbst 1999 auszeichnet. Die ersten 45 Minuten des Spiels stützen Daums Siegesgewissheit jedenfalls nur bedingt. Er selbst hatte die Darbietung in der ersten Hälfte "Altherrenfußball" genannt. Inzwischen aber ist seine Mannschaft so weit, dass sie Daums taktische Anweisungen umzusetzen versteht. Wichtig sei, "dass du kurzfristig mal wieder anziehen kannst und in dieser Phase das Spiel entscheidest." So wie nach dem Platzverweis, als Thomas Brdaric die Führung der Lauterer durch Schjönbergs Foulelfmeter (27.) ausglich (60.), und noch einmal kurz vor Schluss bei Kirstens Doppelschlag (82./85.).

"Das zeichnet eine gute Mannschaft aus, dass sie ein bisschen warten kann", sagte Ulf Kirsten. "Sicherlich sah es von außen nicht so gut aus", vermutete Bernd Schneider. "Aber wenn der Gegner mit acht Mann vor dem Strafraum steht, ist es auch nicht ganz einfach." Nur, so oder so ähnlich werden die meisten Gegner in der Bayarena auftreten. Schon morgen Abend in der Champions League gegen Dynamo Kiew haben die Leverkusener vermutlich die nächste Gelegenheit, mit Geduld den Schlüssel zum Glück zu finden. Gegen Dynamo Kiew zu spielen, das sei "wie wenn du einen Panzerschrank knacken willst", sagte Daum. "Du musst immer neue Kombinationen probieren."

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