Sport : Wie man sich kettet, so spielt man

Vor dem Spiel der Nationalelf gegen die Niederlande geht es um die Frage: Viererreihe in der Abwehr oder doch eine Dreierreihe?

Michael Rosentritt[Almancil]

Michael Skibbe muss etwas ganz Besonderes zum Frühstück zu sich genommen haben. Der Bundestrainer trat vor die Presse und sagte: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir hier so lange im Turnier bleiben wie vor zwei Jahren bei der WM.“ Nur zur Erinnerung: Vor zwei Jahren stand die deutsche Elf im Finale. Skibbe nickte und nickte. Es war kein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen. Es war also kein Scherz.

Der 38-jährige Skibbe entwirft an der Seite Rudi Völlers das taktische Konzept, mit dem Deutschland morgen in Porto Holland besiegen soll. Eine Frage ist dabei; Soll Deutschland mit einer Viererkette oder doch lieber mit Dreierkette spielen? Skibbe ist derjenige, der in der tagelangen Kettendiskussion den Überblick behalten muss. Neuerdings wird sogar vom Ein-Mann-Sturm gesprochen.

Die deutsche Elf hat schon bewiesen, dass sie sowohl mit drei Abwehrspielern auf einer Linie spielen kann als auch mit vier (gelegentlich auch das Gegenteil). Eine Dreierkette (ein zentraler Abwehrspieler plus zwei Manndecker) hätte den Vorteil, dass ein Mann mehr im Mittelfeld steht, der sich um die Spieleröffnung kümmern kann. Es ist das 3-5-2-System. Allerdings müssen die beiden Mittelfeldspieler, die die Außenbahnen besetzen, vermehrt nach hinten arbeiten. So spielte das deutsche Team bei der WM vor zwei Jahren in der Vorrunde.

In der K.-o.-Runde spielte es mit Viererkette (zwei Innenverteidiger, zwei Außenverteidiger). Diese auch gegen Holland favorisierte Variante hat einige Vorteile: Das Team steht in der Mitte kompakter, hat einen Mann mehr, und die Außenpositionen sind zugestellt. Der Nachteil im Vergleich zur Dreierkette ist, dass ein Spieler im Mittelfeld fehlt. Es sei denn, Völler und Skibbe entscheiden sich, gegen Holland nur noch mit einem Stürmer zu spielen. Das würde bedeuten, dass der zweite Stürmer einem defensiven Mittelfeldspieler geopfert wird. Aus dem klassischen 4-4-2-System entstünde ein heutzutage nicht unübliches 4-2-3-1-System. Gegen die spielstarken Holländer und ohne gute Stürmer erscheint diese defensive Variante zweckmäßig.

In Namen ausgedrückt würde das bedeuten: Die Abwehr bilden die beiden Innenverteidiger Wörns und Nowotny sowie die beiden Außenverteidiger Lahm (links) und Friedrich (rechts). Im Fünfer-Mittelfeld übernehmen der Spieleröffner Hamann und der zusätzliche Absicherer Baumann den defensiven Part, Frings (über links) und Schneider (über rechts) müssten viele Flanken schlagen, um so den zentral spielenden Ballack in Szene zu setzen. Er ist der torgefährlichste deutsche Spieler. Die Taktik muss darauf abzielen, die Bälle schnell in die gegnerische Hälfte zu transportieren und Ballack gleich mit. Es geht darum, ihn möglichst oft in den gegnerischen Strafraum zu bringen, wo er seine Kopfballwucht zur Geltung bringen kann. Der einzige Stürmer wird vermutlich Kuranyi sein. Er geht weite Wege, ist groß und kopfballstark. Bobic und Klose sind dagegen außer Form, Brdaric hat kaum internationale Erfahrung.

Mit diesem 4-2-3-1-System landete eine deutsche Elf den bisher letzten Sieg über eine große Fußball-Nation. 2001 gewann sie gegen England 1:0. Dieses System hat die Mannschaft hier in Portugal in abgeschotteten Trainingseinheiten mehrmals studiert. Ob diese taktische Variante die Holländer aber überraschen wird, ist sehr unwahrscheinlich. Beide Mannschaften kennen sich sehr genau.

Die Deutschen werden versuchen, die Qualitäten der Holländer, die ein offensives System bevorzugen, im Ansatz zu ersticken. Das deutsche System setzt in Ermangelung technischer Qualitäten auf Physis und Psyche. Daher wird entscheidend sein, wie sich die deutschen Spieler in bestimmten Stress-Situationen verhalten, wie sie sich konzentrieren und ihre Qualitäten einbringen können, wie sie die taktischen Anweisungen umsetzen.

Es muss darum gehen, das Spielfeld durch geschicktes Verschieben der einzelnen Blöcke möglichst klein zu halten, die Räume eng zu machen und sie bestenfalls zuzustellen. Wenn die Holländer einmal ins Rollen kommen, sind sie schwer zu stoppen. Die deutschen Spieler benötigen eine hohe Aggressivität in der Balleroberung, um die unglaublich guten Individualisten des Gegners zu beeindrucken.

Michael Skibbe bemühte schließlich noch einmal die jüngere Vergangenheit. Unter Völlers und seiner fast vierjährigen Leitung hat die deutsche Elf nur zwei Pflichtspiele verloren. In der WM-Qualifikation gegen England und im WM-Finale gegen Brasilien. „Darum beneidet uns Europa und die ganze Welt.“

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