Sport : Wie mit 18

Benjamin Becker fühlt sich nach seinem ersten Turniersieg für Wimbledon gerüstet

Petra Philippsen[London]
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Becker

Etwas müde, aber mit einem strahlenden Lächeln betrat Benjamin Becker die Trainingsplätze im Aorangi Park in Wimbledon. Nur eine kurze, lockere Einheit gönnte er sich, mehr war nach der anstrengenden Woche auch nicht ratsam. Becker musste vorab viele Hände schütteln und nahm Glückwünsche etlicher Kollegen entgegen, hatte er doch am Vortag in ’s-Hertogenbosch (Holland) seinen ersten ATP-Titel gewonnen. „So richtig kann ich es immer noch nicht glauben, aber es ist ein tolles Gefühl“, sagte Becker mit einem Lächeln. Allzu gerne steht er eigentlich nicht im Rampenlicht, doch der Aufsteiger der Saison 2006 hat nach seinem stürmischen Comeback bereits gemerkt, dass die Augen in Wimbledon nun auf ihn gerichtet sind.

Sein Lächeln hatte Becker nie verloren, dabei gab es in den vergangenen beiden Jahren viele Phasen, die von Frustration und Selbstzweifeln bestimmt waren. Der Aufstieg des mittlerweile 28-Jährigen verlief wie im Zeitraffer, als er vor drei Jahren sein Debüt auf der Tennis- Tour gab. Innerhalb weniger Monate schaffte Becker den Sprung von Rang 419 der Welt auf Platz 38, und schon bald fragte ihn niemand mehr, ob er mit Boris Becker verwandt sei. Schon gar nicht, nachdem er bei den US Open mit einem Sieg die Karriere von Andre Agassi beendete. Er habe Bambi erschossen, witzelte danach sein Spielerkollege Andy Roddick, doch Becker war bald nicht mehr zum Lachen zumute. „Es ging alles viel zu schnell“, sagt der Saarländer.

Nach dem eiligen Aufstieg folgten für Becker schrittweise die Rückschläge, Verletzungen taten ihr Übriges. Vor anderthalb Jahren rutschte er schließlich aus den Top 100. Das unbedarfte, lockere Auftreten des Spätstarters war verschwunden. „Es war schwer für mich, zu akzeptieren, dass ich gut spiele und trotzdem verliere“, sagt Becker. „Ich habe den Spaß am Tennis nie verloren, aber irgendwann habe ich mehr gegen mich selbst gekämpft, als gegen den Gegner.“ Für Becker begann die harte Zeit, in der er sich durch die Challenger-Turniere, eine Art Zweite Liga des Tennis, quälen musste. Doch er dachte nie ans Aufgeben.

Becker hatte in Waco (Texas) Tennis am College gespielt, während er Wirtschaft und Finanzen studierte, denn für einen frühen Einstieg in die Tour fühlte er sich nicht reif genug. Doch durch die schnellen Erfolge war sein Ehrgeiz geweckt, und der Gang durch die kleinen Turniere gaben ihm recht. „Für mich war es ein guter Weg, um mir zu beweisen, dass ich doch besser bin und in die Top 100 gehöre“, sagte Becker. Vier Challenger gewann er in dieser Saison, mit den Siegen kehrte sein Selbstvertrauen zurück. Auch bestärkt durch die Zusammenarbeit mit Ulf Fischer, der ihn seit März betreut. „Die Chemie zwischen uns stimmt“, sagt Becker, der sich trotz seiner 31 Jahre „wie ein 18-Jähriger“ auf der Tour fühlt. Es muss kein Nachteil sein. „Vielleicht habe ich das Beste noch vor mir.“ Der Sieg in ’s-Hertogenbosch spricht zumindest nicht dagegen.

Auch Thomas Haas hat erfolgreiche Wochen hinter sich. Sein Turniersieg in Halle, der erste seit zwei Jahren, wirkte ebenfalls wie eine Verjüngungskur. In Wimbledon gilt er nun sogar als einer der Geheimfavoriten. „Die letzten Wochen haben mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben, aber ich will nicht zu viel erwarten“, sagte der an Position 24 gesetzte Haas. Am Montag tritt er gegen den Österreicher Alexander Peya an, die Auslosung meinte es gut mit Haas, der vielleicht seinem Landsmann Rainer Schüttler nacheifern kann, der vor einem Jahr das Halbfinale erreicht hat. Für Schüttler selbst könnte der Druck kaum größer sein, denn mit einem frühen Aus würde der 33-Jährige wieder aus den Top 100 herausfallen. Ähnlich große Sorgen haben die fünf deutschen Frauen beim wichtigsten Grand Slam der Saison. Allen fünf blieb das Losglück versagt.

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