Sport : Wie neu beworben

Leipzig versucht einen Neuanfang für Olympia 2012

Robert Ide

Als Otto Schily die guten Nachrichten verkünden wollte, funktionierte das Mikrofon nicht. „Für Olympia in Leipzig war das eine sehr wichtige Sitzung“, sagte Schily, bevor er von Zwischenrufen der Zuhörer - „Lauter!“ - unterbrochen wurde. Schily wiederholte den Satz, doch wieder fand er keinen Widerhall. Da nahm der Bundesinnenminister das Mikrofon, zog es energisch an sich und rief noch einmal hinein: „Für Olympia in Leipzig war das eine sehr wichtige Sitzung!“ Plötzlich funktionierte der Ton. Schily lächelte. „Es geht doch.“

Es klappt wieder was bei Leipzigs Bewerbung für Olympia 2012. Nach wochenlangen Pannen hat sich der olympische Aufsichtsrat in Frankfurt am Main zu einem Neuanfang durchgerungen. Die Stasi- und Finanzskandale sind weitgehend aufgeklärt, versicherten alle Beteiligten; Schily sprach gar von einem „Schlussstrich“. Begleitet wird dieser von einer personellen Neuaufstellung. Der ehemalige Geschäftsführer der Tengelmann-Gruppe und langjährige Vorstandschef von Wella, Peter Zühlsdorff, wird neuer Geschäftsführer der Olympiagesellschaft – für ein symbolisches Gehalt von einem Euro (siehe Interview). Mit dem langjährigen Jenoptik-Chef Lothar Späth und dem Lebensmittelunternehmer Arend Oetker konnten zwei weitere Wirtschaftsmanager für Leipzig gewonnen werden. Zusätzlich soll der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher mit anderen Prominenten im Kuratorium seine internationalen Kontakte spielen lassen.

Um den Neubeginn nicht zu behindern, sollen ab sofort die personellen Querelen innerhalb Sachsens und innerhalb des organisierten Sports ein Ende haben. „Der Aufsichtsrat steht geschlossen hinter der Bewerbung“, verkündete Klaus Steinbach, der Chef des Nationalen Olympischen Komitees (NOK). Gilt diese Aussage auch für Sportbund-Präsident Manfred von Richthofen, der öffentlich mit einem Ausstieg aus der Bewerbung gedroht hatte? Steinbach zögerte kurz, bevor er grinsend antwortete: „Niemand wird mehr davon sprechen, die Reißleine zu ziehen.“ In der internen Sitzung war von Richthofen unter Rechtfertigungsdruck geraten. NOK-Vize Dieter Graf Landsberg-Velen und Minister Schily hatten ihn ermahnt, nicht weiter das Ende der Bewerbung herbeizureden, berichten Teilnehmer. Schließlich soll von Richthofen eingelenkt haben: „Ich bleibe.“

Entscheidend dafür waren offenbar die Ergebnisse der Prüfungen von finanziellen Unregelmäßigkeiten der Leipziger Olympiamanager. Dabei bestätigte sich, dass vor allem der entlassene Geschäftsführer Dirk Thärichen ungerechtfertigte Provisionszahlungen an Werbefirmen vergeben hatte. Für diese Zahlungen waren nur teilweise Leistungen erbracht worden. „Das ist nun Sache der Gerichte und hat mit der neuen Olympiagesellschaft nichts mehr zu tun“, sagte Schily. In der internen Sitzung hatte Prüfer Fritz Jaeckel nach Angaben von Teilnehmern gesagt, dass weitere Enthüllungen über Finanzgeschäfte bei Olympia aus seiner Sicht nicht mehr zu erwarten seien.

Verwunderung hatte allerdings bei einem Treffen der Gesellschafter am Wochenende die Tatsache ausgelöst, dass die Stadt Leipzig immer mehr kommunale Aufgaben auf viele Beteilungsgesellschaften verlagert. „Von einem schwer durchschaubaren Geflecht“ sprachen Teilnehmer dieser Sitzung und baten Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee um Aufklärung. Tiefensee, der wegen der Finanzskandale in seiner Stadt unter Druck geraten war, galt bis zur Sitzung in Frankfurt am Main als das Gesicht der Bewerbung. Nun sagte Otto Schily in sein Mikrofon: „Die Leipziger Bewerbung hat viele Gesichter.“ Der Innenminister selbst hatte dafür gesorgt.

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