Sport : Wie Polizisten ein Debakel verhinderten

Frank Bachner

Die Kollegen von der Berliner Polizei haben schon viel erlebt, die Hauptstadt ist schließlich ein heisses Pflaster. Aber so etwas wie am Samstag abend, "das haben wir noch nie mitgemacht". Die Uniformierten mussten, hochoffiziell, eine getackerte Plastiktüte versiegeln. Noch ungewöhnlicher war der Einsatzort: die neue Schwimmhalle an der Landsberger Halle, genau gesagt: das Dopingkontroll-Zimmer. Dort saßen vier überaus missmutige Weltklasseschwimmer, während ihre Urinproben in der Plastiktüte versiegelt wurden.

Gestern abend rückten wieder Polizisten an. Diesmal durften sie immerhin schon einen Metallkoffer versiegeln. Und in dem steckten jetzt ganz viele Dopingproben. Die Polizei, bedeutet das im Klartext, hatte erheblichen Einfluss auf das Kurzbahn-Weltcup-Meeting in Berlin. Ihr ist es zu verdanken, dass die australische Mannschaft nicht zornbebend frühzeitig abreiste und einen sportpolitischen Scherbenhaufen hinterließ. Und dass Ian Thorpe Weltrekord über 200 m Freistil schwamm, ist ihr auch zu verdanken. Ohne sie wäre der Australier am Sonntag nachmittag gar nicht ins Wasser gehüpft.

Das Ganze war eine Mischung aus Realsatire, berechtigtem Misstrauen und kleinem Rachefeldzug. Und alles begann am Samstag abend. Vier Athleten saßen bei der Doping-Kontrolle, drei gaben ihren Urin ohne Kommentar ab, nur Ian Thorpe klammerte sich an seine Fläschen. Er hatte erspäht, dass die Plastikcontainer, in die seine A- und B-Probe versenkt werden sollten, zwar offiziell zugelassen, aber nicht dem neuesten Sicherheitsstand entsprachen. Der hochsenible Thorpe witterte die Möglichkeit einer Manipulation ("Der Container ist nicht sicher genug") und verlangte einen sogenannten Transport-Container, in den seine Proben gelegt werden sollten. Diese Extra-Box sollte versiegelt werden. Lenny Krayzelburg, ebenfalls gerade beim Test, verlangte sofort das Gleiche. Und damit hatte Eide Lübs, der Kontrolleur des Weltverbands Fina, den Salat. Eine solche Extra-Box ist nicht zwingend vorgeschrieben zum Transport, aber Thorpe und Krayzelburg gaben ihre Probe nicht frei. Also packte man die Proben mit leichter Verzweiflung in das einzige Behältnis, das gerade greifbar war: die Plastiktüte, in der die Container leer geliefert wurden. Die Tüte wurde getackert, dann rief jemand die Polizei; die musste mit einem Siegel anrücken.

Damit war das Thema allerdings längst nicht erledigt. Die Australier drohten mit Abreise, wenn bis Sonntag 13 Uhr keine offizielle Transport-Box herangeschafft würde. Während Helfer verzweifelt irgendwo in Deutschland eine solche Box suchten, machte Lübs gleichzeitig dem australischen Cheftrainer Don Talbot klar, dass der keinen Anspruch auf solch eine Extra-Box hat. Schließlich einigte man sich auf einen Metallkoffer. Der war ohnehin für den Dopingproben-Transport zum Labor in Kreischa vorgesehen. Den Koffer sollte eigentlich planmäßig die Fina versiegeln. Doch das lief jetzt nicht mehr. Den Siegel musste die Polizei aufpappen. Darauf bestanden die Australier.

Realsatire? Ja, auch. Aber dahinter steckt mehr. In Australien ist man kurz vor Olympia beim Thema Doping hochsensibel, zumindest was die eigenen Leute betrifft. Schon der geringste Verdacht, eine Probe könnte manipuliert werden, löst schiere Panik aus. Und ausgerechnet Superstar Thorpe trafs am Sonnabend. Um Thorpe legen sie in Australien gerade einen Schutzgürtel, weil er erst 17 ist, Thorpe behüten sie wie Glucken ihre Küken. Vor allem seit Manfred Thiesmann Thorpe angeblich als Dopingsünder beschuldigte. Dabei war der Bundestrainer von einer Journalistin nur falsch zitiert worden. Australische Zeitungen waren in Aufruhr, gleich vier Blätter fragten aufgeregt bei einem Berliner Journalisten nach Thiesmanns Telefonnumer. Thiesmann reagierte, auch in Berlin, mit einer schriflichen Klarstellung. Don Talbort beeindruckte das wenig. Er hatte 1998 bei der WM in Perth den deutschen Mannschaftsbus launig mit: "Da kommt der Doping-Bus" empfangen, er traut den Deutschen sowieso alles Schlechte zu. "Beim Thema Doping muss man sehr vorsichtig sein. Und vor dem Thiesmann-Hintergrund ohnehin." Das war am Vormittag. Am Nachmittag war Thiesmann erst mal vergessen. Da kümmerte sich Talbot lieber herzlich um einen Landsmann: Thorpe hatte gerade Weltrekord geschwommen.

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