Sport : Wie positiv ist Herthas Bilanz?

Geschäftsführer Ingo Schiller will heute einen Gewinn verkünden – Kritiker fragen, wie das gehen soll

Michael Rosentritt

Berlin - Mitgliederversammlungen sind bei Hertha BSC so eine Sache. Zumindest lässt sich nicht behaupten, der Verein wäre nicht erfinderisch gewesen. Bisher hatte sich die Vereinsführung noch immer eine hübsche Choreographie ausgedacht, die in erster Linie dazu diente, das oft angekratzte Publikum auf Kurs zu bringen und heikle Themen durchzubringen. Mal wurde die Mannschaft vorgezeigt, mal wurden spektakuläre Neuzugänge vermeldet. Das führte meist zum gewünschten Stimmungsumschwung im Auditorium.In den vergangenen Jahren hatte der Berliner Fußball-Bundesligist seinen Mitgliedern stets negative Zahlen zu übermitteln. Die Bilanzen der Geschäftsjahre zwischen 2001 und 2004 wiesen jeweils Millionenverluste aus. Am Montag aber will Hertha seinen Mitgliedern im ICC einen positiven Abschluss präsentieren. Das kündigte Ingo Schiller, der für Finanzen zuständige Geschäftsführer der Hertha BSC Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA), an.

Herthas finanzielle Situation ist bei 35 Millionen Euro Schulden mehr als angespannt. Unter den Mitgliedern greift Unsicherheit um sich, nachdem sie erfahren haben, dass etwa Zahlungen an Finanzbehörden, Lieferanten und vor allem die eigenen Mitarbeiter mit zum Teil erheblichen Verzögerungen gezahlt wurden. Wenn die Geschäftsführung der Hertha KGaA also am Montag eine positive Bilanz vorlegt, werden viele Mitglieder diese kritisch hinterfragen.

Zur Ausgangslage: Bis zum Abschluss des vergangenen Geschäftsjahres (Stichtag 30. Juni 2004) hat die KGaA einen Bilanzverlust von insgesamt rund 16,5 Millionen Euro offen ausgewiesen. Bei einem gezeichneten Eigenkapital der KGaA von rund 2,6 Millionen Euro errechnet sich ein nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag von rund 13,9 Millionen Euro. Sollte die Hertha KGaA für das Geschäftsjahr 2004/05 (Stichtag 30. Juni 2005) nun ein positives Bilanzergebnis vorlegen, wird zu prüfen sein, wie es dazu kam. Denn die Einnahmesituation hat sich im Vergleich zu den Vorjahren, die mit einem Minus endeten, keineswegs signifikant verbessert.

Vielmehr ist die Hertha KGaA im vergangenen Jahr sehr erfinderisch gewesen. Aus dem Prüfungsbericht zum Jahresabschluss 03/04 geht nämlich hervor, dass die Hertha KGaA so genannte stille Reserven (Verwertungsrechte) im Wert von 28 Millionen Euro feststellen ließ und an eine ihrer Tochtergesellschaften, wahrscheinlich die „Hertha BSC Rechte GmbH & Co. KG“, abgetreten hat. In der Bilanz der Hertha KGaA wird diese Forderung in die Gewinnermittlung einbezogen und als Umsatzerlös verbucht. Tatsächlich aber ist kein Geld geflossen.

Wenn Hertha im Geschäftsjahr 2004/05 tatsächlichen keinen Betriebsverlust zu verzeichnen hat, müsste demnach ein Bilanzgewinn von rund 11,5 Millionen Euro vorliegen (28 Millionen minus 16,5 Millionen). Sollte der Gewinn geringer ausfallen als 11,5 Millionen Euro, hätte die Hertha KGaA auch das Geschäftsjahr 2004/05 mit einem Verlust abgeschlossen. Die Höhe des Fehlbetrages entspräche dann der Differenz zwischen den 11,5 Millionen Euro und dem in der aktuellen Bilanz ausgewiesenen Gewinnwert.

Hertha benötigt dringend einen positiven Bilanzabschluss. Von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) hatte Hertha eine Lizenz für die laufende Saison nur unter Auflagen erhalten. Eine der Auflagen schreibt vor, dass das Negativkapital der Hertha KGaA nicht anwachsen darf.

Um Herthas Liquididät steht es nicht zum Besten. Seit Jahren bemüht sich der Verein um eine Anleihe im mittleren zweistelligen Millionen-Bereich. Behilflich ist bei solchen Transaktionen der Londoner Finanzmakler Stephen Schechter. Ähnlich wie der FC Schalke 04 will auch Hertha einen Großteil der Zuschauereinnahmen aus kommenden Jahren (im Gespräch sind 13 bis 17 Jahre) verpfänden und auf diese Weise ungefähr 35 Millionen Euro einnehmen.

Doch bisher ist Hertha mit diesem Vorhaben gescheitert. Erst bei einer portugiesischen Bank, später bei einer irischen Bank. Den Instituten fehlten entsprechende Sicherheiten (Hertha gilt als bilanziell überschuldet). Bei einem nicht über Jahre hinweg auszuschließenden Abstieg in die Zweite Liga würde Hertha ein großes Zuschauerproblem drohen. So aber bleiben die Unsicherheiten im eigenen Hertha-Firmengeflecht.

Ein solches Handeln erinnert an Borussia Dortmund. Der Konkurrent aus der Bundesliga ist der Insolvenz nur haarscharf entkommen.

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