Sport : Wie runderneuert

Oliver Trust

Nach einer geruhsamen Nacht sah Uli Hoeneß gesund aus. Rote Wangen, runde Bewegungen im Gangbild und freundlich im Ton. Den Abend im Schwäbischen ohne Termine hatte ihm seine Frau verordnet. Der müsste mal schlafen, hatte Susi Hoeneß gesagt. Die Freunde in Stuttgart hatten Verständnis. Auch sie hatten Zeitung gelesen. Stadionneubau mit 90 Millionen Euro des Versicherungskonzerns Allianz, die Suche nach dem neuen Trikotsponsor (Telekom für 20 Millionen im Jahr), die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft (75 Millionen von Ausrüster adidas). All das, meinte Frau Hoeneß, könne kein Mensch aushalten ohne ausreichend Schlaf. Am Tag nach dem 2:0-Erfolg des FC Bayern München saß Herr Hoeneß dann wie runderneuert im Büro an der Säbener Straße auf den Rattanmöbeln mit altenglischem Muster. Es läuft wieder in München. Den Sieg über den überforderten VfB Stuttgart hatten sie fast im Schlaf erspielt: schnörkellos, effektiv - und gleich danach wieder von der Meisterschaft geredet. "Jetzt", verkündete Hoeneß auffällig gut gelaunt, "musst du als FC Bayern den Mut haben, von der Meisterschaft zu reden."

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Die paar Stunden Dienstreise nach Stuttgart wirkten für viele Bayern-Profis wie das Eintauchen in den Jungbrunnen. Eine Mischung aus diebischer Freude und tiefenpsychologischer Analyse machte sich breit. Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge wagte gar einen Ausblick auf den Gegner vom Mittwoch im DFB-Pokal-Halbfinale. "In Schalke haben wir noch etwas gutzumachen nach dem 1:5 neulich." Selbst ein paar vollmundige Sprüche trauen sie sich wieder. Dabei wurden sie von den Schalkern in der Bundesliga böse vorgeführt. Dem demutsvollen Blick nach oben, der sie bei acht, neun Punkten Abstand zur Tabellenspitze in den letzten Wochen begleitet hatte, wich nun wieder die deutliche Spur Selbstvertrauen, die ihnen mancher als Arroganz auslegt.

Bixente Lizarazu aber wollte nicht arrogant sein, als er mit seinen Kollegen auf den Mannschaftsbus wartete. Wie ein Heer von zufriedenen Wanderern hockten sie im Freien neben dem Kabinengang, als gäbe es das Abendessen diesmal als Picknick im Freien serviert. Die Zeit des Auf und Ab sei vorbei, meinte der Franzose. "Wir haben Spaß daran, die zu ärgern, die vor uns stehen und zu sehen, wie die nervös werden." Der "Fighting spirit" sei wieder da. "Wir sind stabil, hinten sicher, vorne gefährlich." Mehmet Scholl rief nach Wochen klein karierter Streitereien und neidvoller Rangkämpfe in der großen Bayern-Familie den bayerischen Frieden aus. "Die Mannschaft ist näher zusammengerückt." Selbst Kapitän Stefan Effenberg, der für sein rüdes Foul an Krassimir Balakow Rot hätte sehen können, kündigte für seine letzten Spiele im Bayern-Trikot weitere Großtaten an.

Kein kindischer Streit mehr über neue Verträge, Auflaufprämien und Nominierungen für bestimmte Spiele, seltsame Verträge als Finanzberater des Trainers Ottmar Hitzfeld? Das klingt fast wie eine schreckliche Drohung, wenn plötzlich alles so reibungslos funktioniert im Fußball-Süden - und vielleicht nach dem vierten Titel in Folge. "Wir haben die Tür aufgestoßen", sagte Karl-Heinz Rummenigge nach den Toren durch Roque Santa Cruz (33.) und Scholls Freistoßtreffer (39.). "Jetzt können wir den Titel vor Augen haben", sagte Giovane Elber. Und Bixente Lizarazu erklärte noch einmal, was die Mannschaft so stark macht. "Du musst bereit sein im richtigen Augenblick, wenn Zahlzeit ist, kommt es darauf an." Nun verkünden sie als hübsch verpackte Kampfansage an den Rest der Liga, der noch über ihnen kreist, dass nun "Pay-time", also Zahlzeit ist. "Ich befürchte", so Rummenigge, "die anderen müssen wieder mit uns rechnen." Man habe den anderen jetzt genug Gelegenheit gelassen, sich davonzumachen, befand Uli Hoeneß, "nun müssen sie sich daran gewöhnen, dass wir wieder da sind."

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