Die Bundesliga erlebt die Renaissance der Dreierkette

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Wie sich die Taktik im Fußball verändert hat : Macht und Ohnmacht der Zahlen
Verschwommene Grenzen. Nicht nur für Pep Guardiola ist taktische Flexibilität ein hohes Gut.
Verschwommene Grenzen. Nicht nur für Pep Guardiola ist taktische Flexibilität ein hohes Gut.Foto: imago/Eisenhuth

Auch für die bekannten Spielstile der Gegenwart gibt es durchaus historische Vorbilder. Der totale Fußball der Holländer von 1974 erinnert an die Balljagd, die etwa Ralph Hasenhüttl und Ralf Rangnick mit RB Leipzig veranstalten. Das Tiki-Taka der Spanier ist im Grunde nur eine aktualisierte Variante des Wiener Scheiberlspiels aus den 1920er Jahren, der Schalker Kreisel war ein Vorläufer des One-Touch-Fußballs moderner Prägung. Und wenn Reichstrainer Otto Nerz das Innenspiel des 1. FC Nürnberg als „impotente Spielerei“ abgetan hat, könnte das auch ein aktueller Kommentar zur Spielweise des FC Barcelona sein.

Im Moment erleben wir das Rollback von der Vierer- zur Dreierkette. Vor zehn Jahren noch wäre das undenkbar erschienen. Die Deutschen hatten gerade erst den Libero beerdigt, die Viererkette schien für alle Ewigkeiten als Standard festgeschrieben zu sein, doch ewige Wahrheiten existieren im Fußball nicht. Von den 18 Bundesligisten spielt ein Drittel inzwischen schon wieder (zumindest teilweise) mit Dreierkette. Viele Klubs wechseln zwischen beiden Varianten, je nach Gegner, manche – Pep Guardiola lässt grüßen – auch im Laufe eines Spiels. Die TSG Hoffenheim, der einzige ungeschlagene Bundesligist dieser Saison, beherrscht das Wechselspiel besonders gut. Beim Sieg gegen Hertha BSC Ende Oktober ließ Taktiknerd Julian Nagelsmann seine Mannschaft mit Dreierkette beginnen; nachdem Herthas Trainer Pal Dardai zur Pause umgestellt hatte, reagierte auch Nagelsmann und ließ mit vier Verteidigern spielen.

„Die Dreierkette ist auch Auslegungssache“, sagt Max Eberl, der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach. „Eigentlich bringt sie mehr Stabilität, weil man mit drei Innenverteidigern spielt. Man kann sie aber auch sehr offensiv interpretieren.“ Vor allem lässt sie sich ohne Probleme zur Fünferkette aufrüsten, indem die äußeren Mittelfeldspieler sich als Außenverteidiger in der letzten Linie einsortieren. So haben die Dortmunder in der Hinrunde gegen den FC Bayern gewonnen. Der Unterschied zum 5-3-2, mit dem Deutschland 1990 Weltmeister geworden ist, ist dann nicht mehr groß. Fehlt eigentlich nur noch der Libero hinter den Innenverteidigern.

Die taktischen Varianten der Dortmunder Aufstellung beim Sieg gegen den FC Bayern in der Hinrunde.
Die taktischen Varianten der Dortmunder Aufstellung beim Sieg gegen den FC Bayern in der Hinrunde.Grafik: Tsp/Bartel

"Im Fußball gibt es keine großen Neuerungen mehr"

Wobei: Vielleicht gibt es den auch schon wieder. Was Makoto Hasebe in dieser Saison bei Eintracht Frankfurt spielt, kommt dem zumindest schon ziemlich nahe. Der Japaner ist eigentlich defensiver Mittelfeldspieler, nimmt in der Frankfurter Dreierkette aber die zentrale Position ein und ist so etwas wie eine moderne Variante des freien Mannes. Bei eigenem Ballbesitz schiebt er sich ins Mittelfeld vor, bei gegnerischen Angriffen begibt er sich mit den beiden gelernten Innenverteidigern auf eine Linie. Das bestätigt das, was Gladbachs Sportdirektor Eberl sagt: „Im Fußball gibt es keine großen Neuerungen mehr, es ist alles schon gespielt worden.“

So hängt der eigene Standpunkt in der Systemdebatte in starkem Maße von Gewohnheiten ab. Bei Borussia Mönchengladbach hat in den vergangenen Wochen ein Glaubenskrieg zwischen der Kirche der heiligen Viererkette und den Anhängern der neuapostolischen Dreierkette getobt. Die Wiederauferstehung der Borussia in den vergangenen fünf Jahren vom ewigen Abstiegskandidaten zum Europacupanwärter ist eng mit dem Wirken von Lucien Favre verbunden. Der Schweizer hat sich wenig um den Gegner geschert, seine Mannschaft im immergleichen 4-4-2 aufgestellt. Sein Nachfolger André Schubert verfolgte hingegen eine flexiblere Herangehensweise. Mal ließ er mit vier Mann verteidigen, mal mit drei, wobei er durchaus eine Präferenz für die Dreierkette erkennen ließ. Dem Gladbacher Publikum aber war das irgendwie zu flexibel. Es sehnte sich nach Gewissheiten, die es bei Schubert nicht gab – und die ihn kurz vor Weihnachten den Job kosteten.

Lucien Favre ist seit dem Sommer Trainer bei OGC Nizza. Er hat seine erste Halbserie in der französischen Liga als Herbstmeister beendet. Seine Mannschaft hat Favre meistens mit Dreierkette spielen lassen.

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