Wie sich die Taktik im Fußball verändert hat : Macht und Ohnmacht der Zahlen

4-4-2 oder 4-2-3-1? Taktikfans streiten gerne über Nummernfolgen. Dabei ist im Fußball längst das Zeitalter der totalen Flexibilität angebrochen - auch dank Pep Guardiola.

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Verschwommene Grenzen. Nicht nur für Pep Guardiola ist taktische Flexibilität ein hohes Gut.
Verschwommene Grenzen. Nicht nur für Pep Guardiola ist taktische Flexibilität ein hohes Gut.Foto: imago/Eisenhuth

Pep Guardiola tat das, was schon Generationen an Trainern vor ihm getan haben. Der Fußball mag sich in den vergangenen Jahren mehr denn je verändert haben, aber manche Dinge bleiben einfach gleich. Es waren noch drei Stunden bis zum DFB-Pokalfinale zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund, als Guardiola im Besprechungsraum eines Berliner Hotels die Aufstellung des Gegners an die Wand hängte. Obwohl: Es war nicht die Aufstellung. Es waren drei verschiedene Aufstellungen. Alle die, die Guardiola bei den Dortmundern für möglich hielt. Und für jede einzelne hatte der Trainer der Bayern eine entsprechende Antwort ersonnen, die er seinen Spielern nun noch einmal erklärte. Der Plan des Katalanen ging auf: Wann immer Guardiolas Gegenspieler Thomas Tuchel im Pokalfinale sein System änderte, um den Gegner vor neue Herausforderungen zu stellen, reagierten die Bayern umgehend darauf und passten ihre defensive Struktur an. Die Entscheidung traf Kapitän Philipp Lahm auf dem Platz alleine, ohne dass der Trainer von außen eingreifen musste.

Im Sommer ist Pep Guardiola zu Manchester City in die englische Premier League gewechselt, sein Vermächtnis aber prägt den deutschen Fußball nach wie vor. Man könnte es die Philosophie der totalen Flexibilität nennen. „Nichts ist starr, alles ist in Bewegung, und in jeder Begegnung und in jedem Moment muss reagiert werden“, hat Guardiolas Biograf Marti Perarnau in seinem neuen Buch („Pep Guardiola – Das Deutschland-Tagebuch“) über die Herangehensweise seines katalanischen Landsmanns geschrieben. In den drei Jahren bei den Bayern hat Guardiola seine Mannschaft in 23 verschiedenen Systemen aufgeboten; es konnte sogar vorkommen, dass die Münchner in einer einzigen Begegnung zwei, drei, manchmal sogar vier unterschiedliche Systeme spielten. „Wenn ich die Bayern analysiert habe, wusste ich, wie sie anfangen“, hat Dieter Hecking, der neue Trainer von Borussia Mönchengladbach, in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt. „Aber ich wusste nie: Was machen sie nach 15 Minuten? Pep hat ja immer bewusst früh umgestellt, er wollte dem Gegner immer neue Aufgaben stellen.“

Hertha BSC hält eher am Bewährten fest

Unermüdlicher Dirigent an der Seitenlinie: Pep Guardiola korrigiert die Positionen seiner Spieler permanent.
Unermüdlicher Dirigent an der Seitenlinie: Pep Guardiola korrigiert die Positionen seiner Spieler permanent.Foto: REUTERS/Fabian Bimmer

Guardiola und die Bayern – das war die hohe Kunst der Taktik, die man nicht einfach kopieren kann. Hertha BSC zum Beispiel hat eine überzeugende Hinrunde gespielt, ist aber eher nicht durch revolutionäre taktische Neuerungen aufgefallen. Der Versuch, mal etwas ganz Neues zu versuchen, ist kurz vor Weihnachten beim 0:2 im Spitzenspiel gegen Rasenballsport Leipzig gehörig schiefgegangen. Generell wechselt Trainer Pal Dardai selten das System, vor allem nicht innerhalb eines Spiels. Die Mannschaft benötigt noch ein sicheres Geländer, an dem sie sich im Zweifel festhalten kann. Die Berliner spielen meist im 4-2-3-1. Die Grenzen aber sind fließend. Gegen den Ball wird aus dem 4-2-3-1 ein 4-4-2, wenn das Spiel aus der eigenen Abwehr ausgelöst wird, ein 3-1-5-1.

Die taktische Debatte hierzulande wird gern auf solche Zahlenreihen reduziert: 4-4-2, 5-4-1 oder doch 3-4-3? Für viele Fans ist das die alles entscheidende Frage. Für jemanden wie Guardiola, der den Fußball in seiner ganzen Flexibilität zu durchdringen versucht, handelt es sich hingegen um eine unerträgliche Vereinfachung der Dinge. Die Chiffre 4-4-2 zum Beispiel sagt erst einmal nichts darüber aus, ob eine Mannschaft offensiv oder defensiv spielt: Schieben sich die Außenverteidiger weit vor und spielen im Grunde wie zusätzliche Stürmer? Oder bleiben sie starr in der letzten Reihe? Ordnen sich die vier Mittelfeldspieler auf einer Linie an oder in Rautenform? Entscheidender als die Grundordnung ist die Grundidee. Alles lässt sich auf zwei unterschiedliche Philosophien herunterbrechen: Gibt die gegnerische Mannschaft mit ihrem Ballbesitz vor, wie ich spiele, so wie es bei RB Leipzig der Fall ist? Oder zwinge ich dem Gegner mein Spiel auf, wie es die Bayern unter Guardiola getan haben? „Taktik ist kein Zahlenspiel“, sagt Pep Guardiola. „Taktik ist, in jedem Moment zu wissen, was zu tun ist.“ Nicht das Spielsystem sei wichtig, „wichtig sind die Ideen“. Oder wie es Slaven Bilic, der Trainer des englischen Erstligisten West Ham United, ausgedrückt hat: „Die nächste taktische Revolution wird der Tod des Schemas sein.“

Auf jede Revolution folgt prompt die Gegenrevolution

Der moderne Fußball ist ohnehin eine permanente Abfolge von Revolution und Gegenrevolution. Je dynamischer das Spiel, desto kürzer die Zyklen. Haben wir nicht erst bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien den Abgesang auf den klassischen Mittelstürmer angestimmt – und zwei Jahre später nach dem Halbfinalaus der deutschen Nationalmannschaft bei der EM geklagt, dass ohne den verletzten Mario Gomez genau dieser klassische Mittelstürmer gefehlt habe? War Paul Breitner also ein unverbesserlicher Reaktionär, als er 1980 in seiner Autobiografie die Frage stellte: „Ein System – was ist das? Unsinn! Ein Alibi, ein Hirngespinst, das unsere hochgeschätzten Bundesligatrainer immer wieder ihren staunenden Zuhörern verzapfen. Ein System gibt es nicht.“

Oder war Breitner seiner Zeit weit voraus, der wahre Revolutionär also?

Es gibt im Fußball kein absolutes Richtig oder Falsch. Es gilt immer nur für den jeweiligen Moment, auch bei den taktischen Grundordnungen. Jede Zeit hat ihr herrschendes System, das sich allgemein durchgesetzt hat – und das irgendwann dann doch wieder infrage gestellt wird. Als sich nach der WM 2006 nach und nach ein 4-2-3-1 im Weltfußball etablierte, tönte Bundestrainer Joachim Löw noch, er werde auf jeden Fall an seiner Taktik mit zwei Stürmern festhalten. Bei der Europameisterschaft 2008 stellte er dann im laufenden Turnier ebenfalls auf ein 4-2-3-1 um und erreichte immerhin das Finale.

Die falsche Neun, die man vor der Rückkehr des Mittelstürmers für der Mode letzten Schrei gehalten hat, ist alles andere als eine neue Erfindung. Johan Cruyff war in der grandiosen holländischen Elftal von 1974 nichts anderes als eine falsche Neun, auch wenn man ihn damals noch nicht so genannt hat. Cruyff entzog sich dem gängigen Schema, ließ sich fallen, kam aus der Tiefe – und riss damit Lücken in die gegnerische Verteidigung, weil er den Vorstopper aus der letzten Reihe herauslockte. So wie es im legendären ungarischen Wunderteam der 50er Jahre Nandor Hidegkuti getan hat. Auch der war nur pro forma Mittelstürmer, weswegen Bundestrainer Sepp Herberger im WM-Finale 1954 nicht den zentralen Verteidiger Werner Liebrich auf ihn ansetzte, sondern den linken Läufer Horst Eckel. Dieser Schachzug Herbergers gilt bis heute als der entscheidende auf dem Weg zum ersten deutschen WM-Titel.

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