Sport : Wie sich Misstrauen in Vertrauen wandelt

Karsten Doneck

Der Anruf kam um die Mittagszeit. Am anderen Ende der Leitung: Harald Strutz, der Präsident des FSV Mainz 05. Und der fragte seinen Gesprächspartner kurz und bündig, ob er denn Lust habe, im Vorstand des Ligaverbandes mitzuarbeiten. Heiner Bertram, seinerseits Präsident des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union, war zunächst völlig perplex, traf ihn diese Offerte doch reichlich unvorbereitet. Trotzdem: Er verlangte keinerlei Bedenkzeit, sondern sagte spontan zu. Bertrams Wahl in das zwölfköpfige Gremium war dann Anfang Dezember nur noch Formsache. Erstmals in der Vereinsgeschichte hat damit ein Funktionär des 1. FC Union ein Amt beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) inne. "Das ist eine große Ehre für den Verein", sagt Bertram stolz.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Eine solche Postenübernahme durch einen Union-Verantwortlichen wäre noch vor vier, fünf Jahren nahezu undenkbar gewesen. Der DFB und Union - das war seit Mai 1993, als der Verein aus Köpenick die Fußball-Bosse in Frankfurt (Main) mit einer gefälschten Bankbürgschaft linken wollte, ein Verhältnis, in dem Union nur noch Misstrauen und Ablehnung entgegen schlugen. Ein paar Mal zu oft hatte der Klub gegenüber dem DFB versucht, durch hinterhältige Tricksereien die immer tiefer werdenden Finanzlöcher zu kaschieren. Die damaligen Union-Präsidenten von Gerhard Kalweit über Detlef Bracht bis hin zu Horst Kahstein ruinierten neben den Finanzen deutschlandweit gleich auch noch den Ruf des volksnahen Vereins.

Heiner Bertrams Wahl in ein DFB-Gremium steht somit auch als deutliches Symbol dafür, dass der Fußball-Bund einen Schlussstrich unter die dunkle neuzeitliche Vergangenheit seines ehemals schwarzen Schafes gezogen hat und Vertrauen in den "neuen" 1. FC Union setzt. Diese gedankliche Umkehr in der DFB-Zentrale in Frankfurt (Main) ist das Ergebnis zäher Überzeugungsarbeit, im Kleinen wie im Großen. "Wir haben für positive Schlagzeilen gesorgt", sagt Heiner Bertram. "Das reicht von der wirtschaftlichen Konsolidierung des Vereins bis hin zum Auftreten unserer Fans. So etwas bleibt natürlich nicht im Verborgenen." Klar, dass auch die sportliche Entwicklung eine entscheidende Rolle spielte. Union hat durch die Erfolge im DFB-Pokal mit dem Erreichen des Finales gegen Schalke 04 (0:2) in diesem Jahr sowie durch die folgenden Auftritte im Europacup und den Aufstieg in die Zweite Liga erhöhte Aufmerksamkeit auf sich gezogen. "Der Pokal", so hat selbst Georgi Wassilew, Unions Trainer, erkannt, "ist enorm wichtig für den Verein, um sich öffentlich darzustellen." Keine Frage: Union ist nicht zuletzt über den nationalen Pokalwettbewerb beim DFB salonfähig geworden. Bertrams Wahl in den Vorstand des Ligaverbandes ist da nur eine logische Folge.

Dass Union jetzt in einem DFB-Gremium vertreten ist, verschafft dem Verein nicht unbedeutende Vorteile, wie der Vereinspräsident erkannt hat. "Am Informationsfluss ist man damit unmittelbar beteiligt", sagt Bertram, "und man kann in gewisser Weise Einfluss nehmen auf Entscheidungen im Fußballgeschäft." Wer vor ein paar Jahren prophezeit hätte, dass der seinerzeit am Rande der Pleite dahinvegetierende und von Skandal zu Skandal eilende 1. FC Union einmal mit am Rad des großen Fußballs in Deutschland drehen würde, der wäre wohl nur verhöhnt worden.

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