Sport : Wie Sterntaler vom Himmel

Seitdem Jochen Behle Langlauf-Bundestrainer ist, gewinnen die Deutschen immer mehr Medaillen

Hartmut Scherzer

Cavalese. Wo ist Behle? Auf jeden Fall auf der Seite des Erfolgs. Die neue deutsche Lust am Skilanglauf ist dem 42-Jährigen aus Willingen im Sauerland zu verdanken. Seit der einstige Einzelkämpfer als Cheftrainer das Sagen hat, sammeln Thüringer, Sachsen und Oberbayern plötzlich Medaillen – in Bronze, in Silber, in Gold. Bei der WM in Lahti, bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City und nun bei der Nordischen Ski-WM in Val di Fiemme. Jochen Behle, der Rudi Völler des deutschen Skilanglaufs.

Zu Behles zwanzigjähriger Aktivenzeit führte der deutsche Langlauf, sowohl vor als auch nach der Wende, ein tristes Dasein im Schatten der Alpinen, Springer und Kombinierer. Noch bei den Olympischen Spielen in Nagano 1998 hatte Thomas Pfüller, als Sportdirektor und neuerdings Generalsekretär der mächtigste Mann im Deutschen Skiverband, kritisiert: „Das Geld wurde nur verpulvert.“ Die Langläufer seien keinen Schritt vorwärts gekommen. Keine Medaille. Auch für Jochen Behle nicht bei seiner letzten, seiner sechsten Olympia-Teilnahme.

Der Symbolfigur für die Einsamkeit des deutschen Skilangläufers war auch bei zehn Weltmeisterschaften kein Platz auf dem Podest vergönnt. Zweimal Vierter, das war’s. Und nun prasseln die Medaillen auf ihn herab wie Sterntaler vom strahlend blauen Himmel über dem Fleimstal. „Als Aktiver hätte ich überhaupt kein Problem gehabt, mich einzugliedern. Zu meiner Zeit gab es im Langlauf aber kein System und kein Konzept. Ich habe das immer wieder kritisiert. Jetzt haben wir endlich klare Strukturen und Verantwortlichkeiten“, sagt Jochen Behle.

Er selbst will sich nicht mit dem Lorbeer schmücken, zumindest nicht allein, sondern verteilt den Erfolg aufs ganze Team, auf die Heimtrainer in den Stützpunkten Oberhof (Cuno Schreyl), Oberwiesenthal (Heinz Nestler) und Ruhpolding (Bernd Raupach), auf den Nachwuchs-Koordinator im Schwarzwald (Georg Zipfel), auf die Serviceleute, auf die Physiotherapeuten. Teamgeist und Gruppendynamik seien das ganze Erfolgsgeheimnis. Hier stärkt einer ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das ihm als Einzelgänger einst fremd war. „Ich musste alles allein machen.“ Behle hat als Bundestrainer nun andere Ideen eingebracht, neue Strukturen geschaffen und die Organisation verändert. Bei ihm läuft alles zusammen. „Wir haben ein gutes System, und ich ziehe es hartnäckig und konsequent durch.“

Die Konsequenz: Sogar die Frauen liefen plötzlich erfolgreich Ski. Nach dem Olympiasieg der Staffel in Soldier Hollow eroberten Manuela Henkel, Viola Bauer, Claudia Künzel und Evi Sachenbacher auch den WM-Titel in Lago di Tesero, gestern holte Claudia Künzel Silber. Behles Organisationsgabe und Fachwissen, seine Fähigkeit, Kumpanei und Autorität zu trennen, ohne dass seine Motivationskünste darunter leiden, kommt bei den Athleten an. „Behle vermittelt Vertrauen und gibt Selbstvertrauen, das ich früher nicht hatte“, sagt Tobias Angerer. Das Vertrauensverhältnis bekam auch keine Risse, als der Bundestrainer den Bayern nicht für die Staffel nominierte.

Genauso einfühlsam hatte Behle einst bei der WM in Lahti einem weinenden Axel Teichmann seine Nichtberücksichtigung beigebracht und ihn auch in Soldier Hollow nicht nominiert. Nun führte dieser Teichmann, 23 Jahre alt, als Weltmeister über 15 km die Bronzestaffel von 2001 und 2002 nach einem spektakulären Sprintfinale zur Silbermedaille. Der Thüringer repräsentiert diesen kühlen, selbstbewussten Siegertyp der Behle-Generation.

Behle profitiert freilich auch von der Revolution im Langlauf, dem rigorosen Wandel von der undurchsichtigen Abgeschiedenheit im Wald hin zum telegenen Spektakel im Stadion mit Massenstart und Sprintfinale. „Der Sportler kann sich jetzt viel besser darstellen“, begründet Behle die neue Leidenschaft im Langlauf und bedauert seine frühe Geburt. „Ich wünschte, zu meiner Zeit hätte es das alles schon gegeben.“ Das Interesse des Fernsehens und damit eines breiten Publikums und der Sponsoren hat eine neue Generation von Langläuferinnen und Langläufern geschaffen, vor allem in Deutschland. Mit ein wenig Hilfe von Jochen Behle.

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