Sport : Wie Taxifahrer in der Formel 1

In den großen US-Sportligen vergeht kaum mehr eine Saison ohne Aussperrung und Gehälterstreit.

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Well, come back. NFL-Chef Roger Goodell begrüßt die Schiedsrichter zurück. Foto: dpa
Well, come back. NFL-Chef Roger Goodell begrüßt die Schiedsrichter zurück. Foto: dpaFoto: dapd

Berlin - Zwischenzeitlich hatte sich sogar der Präsident in die Debatte eingeschaltet. Es ging ja auch um ein nationales Heiligtum, es ging um die Reputation der National Football League (NFL). „Fans auf allen Seiten hoffen, dass der Lockout schnell beendet ist“, twitterte Barack Obama also in dieser Woche. Dem Statement des US-Präsidenten war ein Eklat im Spiel zwischen den Green Bay Packers und den Seattle Seahawks (12:14) vorangegangen. Mit grotesken Fehlentscheidungen hatten die Schiedsrichter maßgeblich den Ausgang der Partie am Montagabend beeinflusst, die traditionell den Höhepunkt der Football-Woche bildet und zur besten Sendezeit landesweit übertragen wird. Die Ersatz-Schiedsrichter, die wegen des Gehälterstreits zwischen Liga und professionellen Unparteiischen im Einsatz waren, gaben mal wieder ein Bild ab wie Taxifahrer, die plötzlich in der Formel 1 mitfahren dürfen.

Zwar haben NFL und Schiedsrichter-Gewerkschaft ihren Streit am Donnerstag beigelegt. Trotzdem stellt die Aussperrung der Unparteiischen den vorläufigen Höhepunkt einer erschreckenden Entwicklung im US-amerikanischen Sportsystem dar. In den Major-League-Sportarten vergeht – abgesehen vom Baseball – kaum mehr ein Jahr, ohne dass die Saison auszufallen droht, verschoben oder anderweitig beeinflusst wird. Der aktuelle Lockout in der National Hockey League (NHL) ist bereits der dritte in Nordamerika seit März 2011. Fast immer geht es dabei um die Verteilung der Millionen und Abermillionen, die von den großen Ligen erwirtschaftet werden.

Vor einem Jahr feilschte die Spielergewerkschaft NBPA mit den Oberen der National Basketball League (NBA) um die Verteilung der Jahreseinnahmen in Höhe von rund 4,3 Milliarden Euro, von denen bis dato 57 Prozent in Gehälter flossen. Weil viele Klubs negative Wirtschaftsbilanzen aufwiesen, sollten die Spieler Abstriche bei ihrem Gehalt machen. Superstars, die im Jahr mehr als 20 Millionen Dollar verdienen, stritten sich mit den milliardenschweren Besitzern verbissen um jeden Prozentpunkt. 149 Tage dauerte der zweitlängste Lockout in der NBA-Geschichte, am Ende einigte man sich irgendwie, auch wenn es bis heute keine offizielle Zahlen gibt. Die Spielzeit begann mit zwei Monaten Verzug, der befürchtete Image-Schaden blieb aber weitestgehend aus. „Die Fans haben schnell verziehen, weil sie die Saison entschädigt hat“, sagt der langjährige NBA-Trainer Don Nelson. „Ob sie das ein zweites Mal tun, bezweifle ich allerdings.“

So wie vor einem Jahr die NBA-Saison auf der Kippe stand, ist im Moment auch unklar, wann und ob die National Hockey League (NHL) startet. Streitpunkt ist auch in diesem Fall die Verteilung der Einnahmen. Im Moment gehen 57 Prozent der 3,3 Milliarden an die Spieler. Eisbären-Manager Peter John Lee, der selbst 450 NHL-Spiele absolviert hat, kritisiert diesen Schlüssel. „Die Spielergehälter sind viel zu hoch“, sagt Lee. Im Vergleich zu ihrem Verdienst erscheinen die geforderten Abstriche geradezu lächerlich.

Die Unverhältnismäßigkeit setzte sich bei der Aussperrung der NFL-Schiedsrichter fort. Bis 2013 werden die Gehälter der 121 Schiedsrichter von derzeit 149 000 auf 173 000 Dollar und bis 2019 auf 205 000 Dollar steigen. Dadurch kommen auf die Vereine jährliche Mehrausgaben von 60 000 Dollar zu - so viel respektive wenig dürften die NFL-Klubs bei einem Heimspiel allein mit dem Verkauf von Getränken einnehmen. Für diesen verschwindend geringen Betrag hat die Liga durch die Aussperrung ihrer Referees nicht nur ein erhöhtes Verletzungsrisiko der Spieler in Kauf genommen. Aaron Rodgers, Quarterback der Green Bay Packers, fasste die Geschehnisse der letzten Wochen in einem Satz zusammen, der stellvertretend für die Streikkultur im amerikanischen Sport steht. Rodgers sagte: „Die Verantwortlichen haben sich mehr um das Geld gekümmert als um die Integrität des Spiels.“ Christoph Dach

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