Sport : Wie Thomas Schaaf in Bremen eine Spitzenmannschaft formt

Martin Breutigam

Heimlich, still und leise scheinen die Mannen von der Weser nach etlichen Krisenjahren wieder zu einer Spitzenmannschaft zu reifenMartin Breutigam

Obwohl der Hamburger SV, wie ein Blick in die Tabelle verrät, zu den torgefährlichsten Mannschaften der Liga zählt, scheiterte er bei der 1:2-Niederlage im Nordderby gegen Werder Bremen gleich zweimal an der eigenen Schusstechnik. Zum einen war es gegen Spielende Trainer Frank Pagelsdorf, der, aus Verärgerung über den Schiedsrichter, gegen ein auf der Tartanbahn stehendes Straßenverkehrshütchen trat, woraufhin dieses, angeblich zu Pagelsdorfs eigener Überraschung, aufs Spielfeld flog. "Ich wollte sauber mit Vollspann treffen, wusste aber gar nicht, wie viel Kraft ich noch in meinem Bein habe", wunderte sich Pagelsdorf später. Schiedsrichter Fandel fand das aber gar nicht lustig, unterbrach das Spiel und schickte Pagelsdorf auf die Tribüne des ausverkauften Weserstadions.

Eine andere seltsame Situation, aus der 38. Spielminute, war für den HSV-Trainer jedoch die eigentliche "Schlüsselszene des Spiels": Als Anthony Yeboah, mit kraftvollen Schritten und nahezu unbedrängt, dem gegnerischen Strafraum entgegeneilte, anschließend auch Bremens Torwart Frank Rost mühelos überlief, stand der Stürmerstar des HSV nur noch wenige Meter vor dem leeren Tor - doch sein finaler Schuss traf bloß den Pfosten, von dort sprang der Ball in die Arme des Torhüters zurück. Yeboah konnte sich seinen Fauxpas selbst nicht erklären. "Ich hatte doch bis dahin alles richtig gemacht." Eine tragikomische Aktion des Ghanaers, zumal es zu diesem Zeitpunkt noch 0:0 stand und die Hamburger bis dahin optisch überlegen, kompakter in ihrer Spielanlage wirkten. "Von dieser Szene hat sich meine Mannschaft nicht mehr erholt", resümierte Frank Pagelsdorf.

Im doppelten Sinne erholt wirkten allerdings die Bremer, die nach der Pause groß aufspielten und verdient durch Bode (62.) und Ailton (81.) in Führung gegangen waren. HSV-Torhüter Hans-Jörg Butt sorgte in der Schlussminute per Foulelfmeter für den Endstand. Nach der Kraft raubenden und obendrein erfolglosen Uefa-Cup-Mission vom Donnerstag in Lyon kam Werders Energieleistung in dem temporeichen Spiel eher unerwartet. Darüber hinaus scheinen die Bremer nach etlichen Krisenjahren allmählich wieder zu einer Spitzenmannschaft zu reifen. Vor allem, so scheint es, dank Thomas Schaaf. Der Trainer entpuppte sich nach der Demission des "Diktators" Magath keineswegs als Notnagel, sondern als Glücksfall. Werders Klassenerhalt und Pokalsieg waren in der Vorsaison eng mit Schaafs Menschenführung und seinen intimen Kenntnissen der Vereinsstruktur verbunden.

Fast nebenbei hat Schaaf mittlerweile ein modernes Spielsystem eingeführt und lässt mit Vierer-Kette spielen, wobei die Hintermannschaft, mit Tjikuzu, Baumann und Cäsar, ein völlig neues Gesicht bekam. Auch im Sturm erwies sich der junge Claudio Pizarro als gelungene Investition, wenngleich der Peruaner (bislang sechs Treffer) zuletzt einige schwächere Auftritte hatte. Dafür hat der Brasilianer Ailton, bis vor kurzem noch als teuerster Fehleinkauf der Vereinsgeschichte verhöhnt, unter Schaaf das lange vermisste Selbstvertrauen gewonnen. "Es war toll zu sehen, wie Tony Ailton sich eingesetzt und immer wieder den Ball gefordert hat", lobte Schaaf. Er machte aber zugleich deutlich, dass der schnelle Ailton trotz seiner individuellen Klasse noch einiges lernen müsse. Beispielsweise lief er gegen den HSV innerhalb einer Minute rekordverdächtige drei Mal ins Abseits. Oder Ailtons Eigensinn, der die Mitspieler bisweilen zur Weißglut treibt. Doch wie immer bleibt Schaaf auch bei diesem Thema gelassen: "Dass wir ihm das eine oder andere noch erklären müssen, vor allen Dingen das mit dem Abseits, ist klar."

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