Sport : Wie unter Brüdern

Deutsches Eishockeyteam unterliegt bei der WM Tschechien 0:4, ohne gekämpft zu haben

Sven Goldmann

Helsinki. Martin Reichel hat schon oft gegen seinen älteren Bruder Robert gespielt. Es sind höchst ungleiche Brüder. Robert verdient in der National Hockey League (NHL) bei den Toronto Maple Leafs 2,75 Millionen Dollar im Jahr und spielt für Tschechien, Martin zählt in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) bei den Nürnberg Ice Tigers zum gehobenen Personal und hat vor ein paar Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Gestern, vor 12 000 Zuschauern beim Zwischenrundenspiel der Weltmeisterschaft in Helsinki, gab es eine Premiere für die Eishockeyfamilie aus dem mährischen Brüx: Erstmals traten die beiden Brüder bei einem Länderspiel zum Eröffnungsbully gegeneinander an.

Der kleine, der deutsche Reichel gewann dieses prestigeträchtige Anspiel, aber mehr mochten der große Bruder und seine tschechischen Teamkollegen dem Außenseiter dann doch nicht zugestehen. 4:0 (1:0, 1:0, 2:0) siegten die Tschechen, und auch Robert Reichel gelang dabei ein Tor.

Die Deutschen konnten es verschmerzen, denn den Einzug ins Viertelfinale hatten sie tags zuvor beim leicht herausgespielten 5:1 über Österreich perfekt gemacht. Zum Abschluss der Zwischenrunde geht es am Dienstag gegen WM-Gastgeber Finnland. So war denn das Spiel gegen die Tschechen eines, in dem es für beide Mannschaften um wenig mehr als die Reputation ging. Für die Tschechen ist das bei einer WM-Zwischenrunde der Normalfall, für die Deutschen ein ungewohnter Luxus. Er versetzte Bundestrainer Hans Zach in die angenehme Lage, den einen oder anderen Spieler zu schonen.

Zum Beispiel Leonard Soccio, den Center der Hannover Scorpions, der sich mit Schmerzen an der Leiste plagt. Er wird beim Viertelfinale auf jeden Fall wieder mitspielen. „Seine Pause war eine reine Vorsichtsmaßnahme“, sagte Zach. Anders sieht es bei Jan Benda aus. Der deutsche Kapitän hatte sich im Spiel gegen Österreich am Knie verletzt, zunächst war sogar ein Bänderriss befürchtet worden. Davon war gestern nicht mehr die Rede, Zach sprach vage von „Knie- und Rückenproblemen“ und davon, dass er die Hoffnung auf Bendas Einsatz im Viertelfinale noch nicht aufgegeben habe. Für den Hamburger Jochen Molling (Innenbandschaden) und den Berliner Boris Blank (Schultereckgelenksprengung) ist die WM dagegen beendet.

Nun passt es nicht zum Willensmenschen Zach, lange über Verletzungspech zu lamentieren. Im Gegenteil: „Auch so eine Situation ist eine Herausforderung“, sagte der Bundestrainer. „Meine Spieler haben einen guten Charakter und arbeiten hart. Wenn einer einen Fehler macht, dann ist das kein Problem.“ Auf der anderen Seite mag er personelle Probleme auch nicht als Vorwand für eine ruhige Gangart akzeptieren – „wenn einer hier meint, er könnte seine Kräfte schonen, dann bin ich für ihn der falsche Trainer. Die Spieler haben am Tag 22 Stunden Zeit, um sich zu schonen.“

Das jedenfalls war die Version für die Öffentlichkeit, in der Kabine dürfte Zach maßvollere Worte gefunden haben. Zwar nahmen sich die Deutschen nicht zurück, aber es hat unter Zach schon kämpferisch stärker ausgeprägte Länderspiele gegeben. Jan Hlavac schoss schon nach dreieinhalb Minuten das erste Tor für den Favoriten. Läuferisch waren die mit zwölf Profis aus der NHL nach Finnland gereisten Tschechen deutlich überlegen. Nach Robert Reichels 2:0 Mitte des zweiten Drittels ließen es die Tschechen ein wenig ruhiger angehen. Im Schlussdrittel trafen noch Jan Hlavac und David Vyborny.

Ohne die Leistungsträger Soccio und Benda war kaum mehr als ein ehrenvoll-knappes Ergebnis drin, aber auch das blieb den Deutschen verwehrt. Torhüter Robert Müller hatte einen schwachen Tag erwischt. So war es am Ende wieder an Martin Reichel, seinem Bruder Robert zum Sieg zu gratulieren.

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