Sport : Wie zu Stevens’ Zeiten

Hertha siegt daheim wieder nicht, die Fans pfeifen: Beim 1:1 gegen 1860 ist vom Aufschwung nichts zu sehen

Sven Goldmann

Berlin. Der TSV 1860 München spielt nicht besonders gern im Berliner Olympiastadion. In all den gemeinsamen Bundesligajahren mit Hertha BSC haben die Münchner erst einmal gegen die Berliner gewonnen, 1968 war das. Es sagt einiges über die aktuelle Stärke von Hertha BSC, wenn diese Münchner nun ein 1:1-Unentschieden in Berlin so kommentieren, wie es Falko Götz gestern tat. „Ich kann mit diesem Punkt leben“, sagte der Trainer des TSV 1860. Von wegen Punktgewinn: Selbst für eine Durchschnittsmannschaft wie 1860 ist ein Unentschieden in Berlin nicht mehr als ein verpasster Sieg. In der Tabelle könnte Herthas neuer Stellenwert denkbar unangenehme Auswirkungen haben: Sollte das Auswärtsspiel am Dienstag in Köln verloren gehen und Eintracht Frankfurt daheim mindestens einen Punkt gegen den Hamburger SV holen, würde Hertha als Tabellenletzter in die Winterpause gehen.

Auch deswegen mochte Andreas Thom das sportliche Beiprogramm zum Wiedersehen mit seinem Freund Götz nicht als Erfolgserlebnis verbuchen. Gemeinsam mit dem jetzigen Münchner Trainer hatte Thom vor zwei Jahren Jürgen Röber abgelöst und Hertha noch in den Uefa-Cup geführt – ganz allein wollte er gestern, in seinem ersten Heimspiel als Interimstrainer, den Anschluss ans Mittelfeld schaffen. „Bei einem Sieg hätten wir endlich die Abstiegsränge verlassen“, sagte Thom und beschrieb seinen Gemütszustand mit „sehr, sehr traurig“. Es war in der Tat eine traurige Angelegenheit, was da bei strömendem Regen zusammengespielt wurde. Zum ersten Mal in dieser Saison blieb die Zuschauerzahl im Olympiastadion unter 30 000. Nur 27 112 wollten Herthas Heimspiel sehen – so wenige wie seit dem 9. Februar 2002 (damals gegen Stuttgart) nicht mehr. Das vorhandene Publikum zeigte sich anfangs durchaus gutwillig, doch nach all den enttäuschenden Auftritten hat auch der Trainerwechsel den Kreditrahmen für die Mannschaft nicht übermäßig vergrößert. Hertha ist das heimschwächste Team der Liga. Vor eigenem Publikum hat die Mannschaft nur ein einziges Mal gewonnen. Entsprechend verunsichert spielte sie auch gestern auf. Als die Spieler zur Pause in die Kabinen gingen, pfiffen die Zuschauer. Das Publikum reagierte wieder wie zu Zeiten von Trainer Huub Stevens, und Herthas Spieler traten passend dazu auf: umständlich, ohne Selbstvertrauen, fahrig im Spielaufbau, unsicher in der Defensive. Herthas Probleme haben eben nicht auf der Trainerbank gesessen; die Mannschaft ist ganz einfach nicht gut genug – nicht für die eigenen hohen Ansprüche, aber auch nicht unbedingt für die Anforderungen im Abstiegskampf.

Mit ein wenig Glück hätten die nicht eben mit überirdischen Gaben gesegneten Münchner sogar drei Punkte mitnehmen können. „Ich hätte dieses Spiel gern mal gesehen, wenn wir in Führung gegangen wären“, sagte Falko Götz. Die Chancen dafür hatten die Münchner, allen voran der erst 18 Jahre alte Lance Davids. Die erste verpasste der Südafrikaner schon nach einer Viertelstunde, als er nach einer Hereingabe von Markus Weissenberger über den Ball trat. Den Nachschuss von Andreas Görlitz lenkte Gabor Kiraly an den Pfosten. Eine weitere Viertelstunde später rutschte Dick van Burik auf dem nassen Rasen aus, Davids lief allein auf Kiraly zu, doch sein Schuss flog gegen die Unterkante der Latte.

Hertha erarbeitete sich nur eine Scheinüberlegenheit, kam zu 13 Ecken, die Münchner hatten ihre erste und einzige fünf Minuten vor Schluss. „Aus dem Spiel heraus war das nicht viel“, sagte Götz – nicht über seine aktuelle Mannschaft, sondern über seine alte, Hertha BSC. Chancen aus dem Spiel gab es kaum, und so war es logisch, dass auch Herthas 1:0 aus einem Freistoß resultierte. Ebenso logisch war, dass sie nicht von einem Berliner erzielt wurde. Zwar ließ sich Arne Friedrich feiern, doch nicht er, sondern Sechzigs Abwehrchef Rodrigo Costa hat dem Ball kurz nach der Pause mit dem Kopf die entscheidende Richtungsänderung ermöglicht.

Doch diese glückliche Führung gab den Berlinern nicht etwa Sicherheit – sie machte Hertha übermütig. Nur sieben Minuten später wurden die Berliner im eigenen Stadion ausgekontert. Nach einem Abwurf von Torhüter Michael Hofmann lief Weissenberger, der mit Abstand beste Münchner, den ganzen Platz an der linken Außenlinie hinunter, flankte auf Benjamin Lauth, der den Ball über Torhüter Gabor Kiraly köpfte, und Hertha war die Führung wieder los. „Ein völlig bescheuertes Tor“, sagte Arne Friedrich. Man könnte auch sagen: Ein typisches Gegentor für Hertha in dieser Saison.

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