Sport : Wieder auf der Höhe

Malte Mohr verteidigt den Stabhochsprung-Titel – wer mit ihm zu Olympia fährt, ist aber noch unklar.

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Meister! Malte Mohr überquert 5,82 Meter. Über die Weltjahres-Bestleistung von 5,92 Meter wagte er sich anschließend nicht. Das Verletzungsrisiko war ihm zu hoch. Foto: dpa
Meister! Malte Mohr überquert 5,82 Meter. Über die Weltjahres-Bestleistung von 5,92 Meter wagte er sich anschließend nicht. Das...Foto: dpa

Wattenscheid - Einmal war Malte Mohr schon genau auf diesen Riss in der Matte geflogen. Jetzt tat ihm der Rücken weh, nochmal musste er das nun wirklich nicht haben. Nur wusste das der Stadionsprecher noch nicht. Der brüllte begeistert: „Malte Mohr lässt 5,92 Meter auflegen.“ Sofort brandete Beifall von 17 500 Menschen im Lohrheide-Stadion in Wattenscheid auf. 5,92 Meter, wow, das bedeutet Weltjahres-Bestleistung im Stabhochsprung. Malte Mohr müsste natürlich die Höhe noch überqueren. 5,82 Meter hatte er schon geschafft, den Titel bei der deutschen Meisterschaft hatte er schon sicher. Besser gesagt: Er hatte ihn verteidigt.

Aber bei diesem Sprung über 5,82 Meter war er auf diesen Riss geflogen, der sich gebildet hatte. Fünf Minuten überlegte der 25-Jährige, dann brüllte der Stadionsprecher, etwas weniger enthusiastisch: „Malte Mohr zieht zurück, er springt doch nicht.“ Warmer Applaus von den Fans. Noch eine Verletzung, das hätte Mohr gerade noch gefehlt. Die ganze Saison schon hatte er mit Verletzungen zu kämpfen, nun wird er die Europameisterschaft in Helsinki möglicherweise doch nicht mit letztem Einsatz springen. Danach kommt ja noch London, das große Ziel. Die Olympischen Spiele.

Die Norm hatte er schon Wattenscheid erfüllt: 5,72 Meter, exakt die geforderte Qualifikationshöhe. Ein gutes Gefühl nach den ganzen gesundheitlichen Problemen. In der Hallensaison machte ihm der Beuger zu schaffen, und als diese Verletzung ausgeheilt war, kam das nächste Problem. Als auch das ausgestanden war, rutschte ihm bei seinem ersten Freiluft-Wettkampf in Schanghai im Regen der Stab aus der Hand und knallte gegen sein Knie. Wieder drei Wochen kein Training. Sein Bedarf an unangenehmen Nachrichten ist also gedeckt.

Aber dieser Titel, diese Höhe, das alles entschädigte für einiges. Auf seinem T-Shirt prangt das Logo des TV Wattenscheid, seinem neuen Verein. Er ist von der LG Stadtwerke München gewechselt, diese Meisterschaft war ja ein Heimspiel für ihn. „Da wollte ich es besonders gut machen.“

Die Verletzungen, der Trainingsrückstand, das alles hat bei Malte Mohr doch etwas ausgelöst. „Meine Ansprüche sind geringer geworden“, sagt er. Das bezieht er natürlich auf die Trainingseinheiten, die er verpasst hatte. Aber so ein Satz hat auch noch eine andere Bedeutung. Malte Mohr wirkt im Moment angenehm bescheidener als früher. Es gab Zeiten, da verkündete er vollmundig, dass er sechs Meter überqueren wolle, dass er sich als großer Medaillenkandidat fühle. Aber der selbst ernannte Mitfavorit blieb bei großen Freiluft-Wettbewerben regelmäßig auf der Strecke. Seine beste Leistung im Freien war der fünfte Platz bei der WM 2011. In der Halle immerhin lief es besser. 2010 wurde er unter dem Dach Vize-Weltmeister, 2011 Dritter der EM. Seine Hallenbestleistung steht bei 5,87 Metern. Im Freien hat er schon 5,90 Meter überquert.

Bitter verlief die Meisterschaft für Björn Otto. Der Hallen-Vizeweltmeister hat in dieser Saison bereits 5,82 Meter übersprungen, er reiste als bester deutscher Stabhochspringer dieses Jahres an. Er ist schon 34 Jahre alt, er will unbedingt zu den Olympischen Spielen. Aber Wattenscheid könnte diesen Traum zerstören. Er hatte zwar mit 5,72 Metern wieder die Norm gesprungen, aber er wurde nur Vierter hinter dem höhengleichen Karsten Dilla. Zweiter wurde Raphael Holzdeppe mit 5,77 Metern.

Und deshalb begann am Abend unter Beobachtern das große Rätseln. Darf Otto nach London? Obwohl er nur Vierter wurde, aber dafür mehr Erfahrung hat als der zwölf Jahre jüngere Dilla? Darf Dilla fahren, weil er Dritter geworden ist? „Ich bin bloß froh“, sagt Mohr, „dass ich das nicht entscheiden muss.“Frank Bachner

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