Wieder im Endspiel : Von wegen Übergangssaison

Die Eisbären stehen trotz holpriger Hauptrunde im DEL-Finale – weil das Team flexibel reagieren kann.

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Gewohntes Bild in den Play-offs. Am Ende jubeln die Eisbären – so wie am Sonntag beim dritten Sieg im Halbfinale gegen die Krefeld Pinguine. Foto: dpa
Gewohntes Bild in den Play-offs. Am Ende jubeln die Eisbären – so wie am Sonntag beim dritten Sieg im Halbfinale gegen die Krefeld...Foto: dpa

Der 4:3-Sieg am Sonntag in Krefeld hatte für die Eisbären historische Dimensionen. Denn er bescherte den Berlinern nicht nur den Einzug in die Finalserie gegen die Kölner Haie, sondern es war auch der 98. Erfolg in einem Play-off-Spiel der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Damit haben die Berliner nun mehr Siege in der entscheidenden Saisonphase errungen als die Adler Mannheim – und mehr als jedes andere DEL-Team seit der Gründung der Liga im Jahr 1994. Was nach einer statistischen Randnotiz klingt, ist in Wirklichkeit mehr. Denn der Rekord zeigt, wo die Stärke der Mannschaft liegt: Sie kann sich aus kritischen Situationen befreien, wenn der Druck am größten ist, und wichtige Spiele gewinnen, auch wenn sie diese nicht 60 Minuten lang dominiert.

Diese Krisenfestigkeit zeigt sich gerade im Vergleich mit den Mannheimern: Die beendeten eine souveräne Hauptrunde als Tabellenführer, die hoch begabten Angreifer Yannick Lehoux und Michael Glumac trafen nach Belieben. Doch im Viertelfinale, das sie als klarer Favorit gegen den Tabellenzehnten aus Wolfsburg verloren, kam von den vormaligen Leistungsträgern nicht mehr viel. Lehoux erzielte in der Serie ein Tor, Glumac ging sogar gänzlich leer aus. Als Mannschaft hatten die Adler auf die Fragen, die ihnen der hochmotivierte Außenseiter stellte, keine Antworten, als die vermeintlichen Topstars auf Tauchstation gingen.

Wie auf Widrigkeiten zu reagieren ist, weiß bei den Eisbären die gesamte Mannschaft

Bei den Eisbären verlief die Saison genau umgekehrt: Der Titelverteidiger spielte eine holprige Hauptrunde und musste auch in den Play-offs diverse Schwächephasen durchmachen – aber er war in der Lage, sich auch aus diesen zu befreien. „In den Play-offs läuft nie alles nach Wunsch. Gerade dann richtig zu reagieren, macht Champions aus“, sagt Trainer Don Jackson.

Wie auf Widrigkeiten zu reagieren ist, weiß bei den Eisbären die gesamte Mannschaft. Viele Spieler sind lange dabei und haben nicht nur zahlreiche Titel gewonnen, sondern auch das Spielsystem zutiefst verinnerlicht. Dieses flexible System, in dem sich die Verteidiger permanent in die Angriffe einschalten, hat seine Schwächen – die Anfälligkeit für Konter konnte in dieser Saison nie ganz ausgemerzt werden. Es bietet jedoch in engen Situationen entscheidende Vorteile, zwingt es doch alle Spieler dazu, sowohl defensiv wie offensiv zu denken.

Ganz deutlich wurde das in der letzten Sekunde des fünften Viertelfinals gegen Hamburg. Das entscheidende Tor erzielte Verteidiger Jens Baxmann mit der Schlusssirene, und es war kein Produkt schieren Willens: Er habe im Gewühl vor dem Tor noch einen Schritt zur Seite gemacht, um sich eine bessere Schussposition zu verschaffen, sagte Baxmann hinterher. Dass selbst ein Defensivspezialist wie er in einem Moment höchster Anspannung wie ein abgezockter Topstürmer denkt und handelt, zeigt, wie sehr das System die Mannschaft prägt. Es macht sie für den Gegner unberechenbar, jeder Spieler kann ständig für Gefahr sorgen. Baxmann ist der beste Beweis: Mit vier Treffern ist er der drittbeste Torschütze des Teams in den Play-offs.

Den Abschied von Stefan Ustorf, Denis Pederson und Sven Felski konnten die Eisbären gut kompensieren

Diese Spielweise führt zu flachen Hierarchien. Individuelle Formschwankungen lassen sich leichter kompensieren. Im vergangenen Jahr hatte noch die Angriffsreihe von Darin Olver, Florian Busch und Barry Tallackson den größten Anteil am Titel. Jetzt, da Busch und Tallackson nicht in Topform sind, springen andere in die Bresche: Kapitän André Rankel, Travis Mulock und Julian Talbot spielen bislang überzeugende Play-offs.

Aufgrund ihrer mannschaftlichen Qualitäten konnten die Eisbären inzwischen auch einige Zweifel ausräumen, die nach dem Abschied von Stefan Ustorf, Denis Pederson und Sven Felski aufgekommen waren. Ohne die langjährigen Führungsspieler schien sich ein Vakuum an Routine aufzutun, eine „Übergangssaison“ drohte, in der nicht unbedingt mit einem weiteren Titel zu rechnen war. Nun stehen die Eisbären trotz aller Schwächen wieder im Finale. Und auch dort darf gelten, was Kapitän Rankel selbst nach Niederlagen in aller Ruhe zu wiederholen pflegt: Wenn sie ihr System spielt und möglichst wenig Fehler macht, ist mit der Mannschaft immer zu rechnen – gerade, wenn es um die Entscheidung geht.

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