Sport : Wieder in der Balance

Weil sie den Mut zur Veränderung hatte, ist Serena Williams so dominant wie nie zuvor.

von
Kaum zu glauben. Serena Williams kann Tennis inzwischen auch genießen. Foto: dpa
Kaum zu glauben. Serena Williams kann Tennis inzwischen auch genießen. Foto: dpaFoto: dpa

Paris - Nervös wurde Serena Williams erst nach dem Matchball. Da stand sie mitten auf dem Court Philippe Chatrier und gab ihr erstes Interview auf Französisch. „J’aime Paris“, sagte die 31 Jahre alte US-Amerikanerin nach ihrem lockeren 6:0- und 6:1-Auftaktsieg bei den French Open über die Georgierin Anna Tatischwilli und bekundete ihre tiefe Zuneigung zur Metropole an der Seine. Die Menge auf den Rängen jubelte ihr so warm zu, wie sie es selten zuvor getan hatte. „Ich glaube, es liegt an meinem französischen Trainer, dass ich so gut geworden bin“, parlierte sie weiter und erntete tosenden Beifall. Doch Patrick Mouratoglou hatte in den vergangenen zwölf Monaten nicht nur ihre Sprachkenntnisse erweitert, mit ihm ist sie auch privat glücklich. Vielmehr noch aber hatte Mouratoglou der Tennisspielerin Serena Williams zu einem fulminanten Neustart verholfen, den ihr viele nicht mehr zugetraut hatten.

Denn als die Jüngere der beiden Williams-Schwestern vor einem Jahr in der ersten Runde in Paris sensationell an der Französin Virginie Razzano scheiterte, da riss ihr diese Niederlage den Boden unter den Füßen weg. „Ich war danach gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die ich normalerweise nie getroffen hätte“, erinnert sich Williams heute. Nie hatte sie bei ihren 46 Grand-Slam-Teilnahmen zuvor jemals in der ersten Runde verloren. Das Aus erschütterte sie, stürzte sie in tiefe Zweifel. Sie kontaktierte Mouratoglou, der in der Nähe von Paris eine Akademie betreibt. Sie suchte einen Ort zum Trainieren. Einen Ort zum Abschalten. Nach ein paar Tagen, in denen sie sich den Frust von der Seele gespielt hatte, suchte sie den Rat bei Mouratoglou. Niemals in den 16 Jahren ihrer Profikarriere hatte Serena Williams andere Trainer gekannt als ihre Eltern und nie mit jemand anderem geübt als mit ihrer Schwester Venus.

„Ich sagte ihr, sie habe bei keinem Schlag gegen Razzano die richtige Balance gehabt“, sagt Mouratoglou heute. Er traf auf Anhieb die richtigen Töne, Williams hörte ihm zu und nahm nach und nach seine Vorschläge an. Sie verbesserte ihre Fitness, wurde beweglicher. „Man weiß nie, was passiert“, sagte Williams, „manchmal denke ich, dass ich doch froh sein sollte, dass ich im vergangenen Jahr verloren habe.“ Denn die neuen Impulse von Mouratoglou zeigten schnell Wirkung, die restliche Saison wurde ein einziger Triumphzug: Siege in Wimbledon, bei den US Open, die Goldmedaille bei Olympia in London, dazu noch der Masters-Titel beim Tourfinale und die Rückkehr an die Spitze der Weltrangliste als älteste Spielerin der Geschichte. Viel mehr geht nicht, so schien es. Doch seit dieser schmerzlichen Niederlage bei den French Open hat Serena Williams nur drei Matches verloren. Nach Paris reiste sie mit einer Serie von 24 Siegen an, und so verwunderte es auch nicht, dass sie dieses Mal für ihr Erstrundenmatch nur 51 Minuten benötigte. Nicht allein, weil ihre Gegnerin vollkommen überfordert war, sondern weil Serena Williams eine andere Spielerin geworden ist. „Früher wollte ich nur gewinnen, gewinnen, gewinnen“, sagte sie, „heute genieße ich alles viel mehr.“ Williams hatte den Mut zur Veränderung, er könnte mit ihrem 16. Grand-Slam-Titel in Paris belohnt werden. Mouratoglou würde es nicht überraschen: „Wenn dein Leben in der Balance ist, hast du auch mehr Balance auf dem Platz.“ Und für den neuen Halt hat er gesorgt. Petra Philippsen

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben