Sport : Wieder zu Hause

Bei ihrer Rückkehr nach Thüringen wird Biathlon-Olympiasiegerin Kati Wilhelm nicht nur gefeiert

Helen Ruwald[Oberhof]

Die junge Dame mit dem roten Haarschopf machte den Eindruck, als sei sie vom Olympiastützpunkt Oberhof engagiert worden, um für den Wintersportort zu werben. In die Fernsehkamera der ARD sagte sie: „Hier herrschen top Trainingsbedingungen, die Wege sind kurz. Die Einheimischen präparieren bei Wettkämpfen die Strecke und die Zuschauer stellen sich auch bei schlechtestem Wetter ins Stadion.“ Deshalb müsse man der Region auch mal „was zurückgeben“.

Biathletin Kati Wilhelm wurde nicht eingeflüstert, was sie sagen sollte, wie zuvor beim Spendenaufruf für die Tsunami-Opfer, für die die ARD Wilhelms Ski verloste. Als es um Oberhof ging, da redete und redete die 28-Jährige – und klang überzeugend. Das Erstaunliche an Kati Wilhelms Schwärmerei: Sie ist im Sommer nach Ruhpolding gewechselt. „Ich wollte aus dem alten Trott rauskommen, mal einen anderen Tagesablauf erleben“, erklärt sie. Nach jahrelangem Training in Oberhof, wenige Kilometer entfernt von ihrem Heimatort Zella-Mehlis, brauchte sie einen Motivationsschub. 2002 war Wilhelm in Salt Lake City überraschend Olympiasiegerin geworden. Doch im vergangenen Jahr stagnierte ihre Leistung, obwohl sie dreimal den zweiten Platz belegte, zu Saisonbeginn und Saisonende. Dazwischen enttäuschte sie läuferisch, bei der Weltmeisterschaft in Oberhof war Rang zehn in einem Einzelrennen die beste Platzierung. Die Misserfolge in der Loipe ärgerten sie besonders, schließlich hatte sie vor ihrer Biathlon-Karriere Weltcuprennen im Langlauf bestritten.

In Ruhpolding trainiert sie nun bei Bundestrainer Uwe Müßiggang, gemeinsam mit der laufstarken Uschi Disl. Die Trainingsgruppe ist kleiner als in Oberhof, wo man laut Wilhelm „nicht so individuell auf jeden eingehen kann“. Genau diese Betreuung braucht sie aber, um ihre Probleme zu lösen. Gestern wurde Wilhelm beim Sprint Dritte hinter Disl, im Gesamtweltcup ist sie nun Fünfte.

Als ihr Wechsel bekannt wurde, beleidigten einige Biathlonfans Kati Wilhelm im Gästebuch auf ihrer Homepage. Sie unterstellten ihr, sie wolle nur in Ruhpolding trainieren, um auf Uschi Disl herumhacken zu können und sich dafür zu rächen, dass diese beliebter sei als Wilhelm. Und überhaupt, die Thüringerin solle dort bleiben, wo sie hingehöre – in Thüringen. „Die Leute dachten, ich haue ganz ab“, sagt Kati Wilhelm. Das sei aber gar nicht ihre Absicht gewesen. Die Sportsoldatin startet nach wie vor für den SC Zella-Mehlis und wird weiterhin dem Olympiastützpunkt Oberhof zugerechnet. „Ich gehöre nach Thüringen“, sagt Kati Wilhelm. „Die Leute hier stärken mir den Rücken, da wäre es nicht richtig, ganz wegzugehen. Und ich will die Kinder hier anspornen.“

Die vergangenen zwei Wochen trainierte sie nicht in Ruhpolding, sondern in Oberhof. Zum einen, weil hier mehr Schnee lag, zum anderen weil Wilhelm zwischen Weihnachten und Neujahr „kalte Füße bekam. Ich wollte gemütlich bei Kerzenschein bei meiner Familie sein und nicht allein in Ruhpolding.“ In Thüringen wurde sie von ihrer Mutter bekocht und hatte ein Zimmer in der Bundeswehrkaserne, in Bayern muss sie sich um ihren eigenen Haushalt kümmern und das Krafttraining selbst organisieren. „Der Aufwand ist größer“, sagt Kati Wilhelm. Dennoch sei ihre Entscheidung richtig gewesen. „Das Training macht Spaß, das ist wichtig.“

Bis gestern waren zwei fünfte Plätze ihre besten Saisonergebnisse. Kati Wilhelm war damit gar nicht unzufrieden. „Wenn ich einen Schießfehler weniger mache oder etwas schneller laufe, dann reicht es für einen Podestplatz“, sagte sie vor dem Sprint – und behielt Recht. Schon am Donnerstag in der Staffel feierte sie eine gelungene Rückkehr. Kati Wilhelm sicherte als Schlussläuferin den Sieg für Deutschland. Im Ziel winkte sie ins Publikum, schwang die Skistöcke und riss die Arme hoch. Die Fans klatschten und tröteten begeistert. Allerdings wurde die nicht aus Thüringen stammende Martina Glagow noch mehr bejubelt. Fans, die sie feiern, sind Kati Wilhelm aber schon am Mittwoch wieder sicher – beim Weltcup in Ruhpolding.

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