Sport : Wiederaufstieg ins Gelbe Trikot

Floyd Landis erobert die Tour-Führung zurück – Frank Schleck gewinnt die Etappe nach L’Alpe d’Huez

Sebastian Moll[L’Alpe d’Huez]

Es war der Anstieg bei der Tour de France, bei dem eine Vorentscheidung über den Gesamtsieg erwartet wurde. Schließlich ist in L’Alpe d’Huez schon mancher spätere Toursieger gekürt worden. Gestern, auf der 15. Etappe, eroberte sich Floyd Landis (Phonak) auf dem Gipfel das Gelbe Trikot von Oscar Pereiro (Caisse d’Epargne-Illes Balears) zurück. Eine Vorentscheidung auf den Gesamtsieg ist damit aber diesmal kaum gefallen, zu dünn ist der Vorsprung von Tour-Favorit Landis: Er führt mit nur zehn Sekunden vor dem Spanier Pereiro. Landis kam gestern als Vierter ins Ziel, Etappensieger wurde der Luxemburger Frank Schleck (CSC). Andreas Klöden vom Team T-Mobile wurde Fünfter.

Zwar brachte L’Alpe d’Huez keine Vorentscheidung, aber zumindest ein paar neue Hinweise auf die Kräfteverhältnisse bei dieser Tour. In der Gruppe der Favoriten, die sich hinter Schleck in den 21 Kehren nach L’Alpe d’Huez hinaufkämpfte, machte Andreas Klöden neben dem US-Amerikaner Landis den stärksten Eindruck. Der T-Mobile-Fahrer konnte als Einziger alle Beschleunigungen von Landis parieren und fand am Ende sogar die Kraft, mit eigenen Angriffsversuchen Landis zu fordern. Der Russe Denis Mentschow (Rabobank) hingegen, der in den Pyrenäen noch deutlich stärker war als Klöden, verlor den Anschluss und rund 45 Sekunden auf den Chemnitzer.

So gab Landis zu, dass Klöden an diesem Tag sein gefährlichster Widersacher war und dass er auch auf den restlichen Alpenetappen Klöden für seinen schärfsten Rivalen hält – wohl nicht zu Unrecht. Denn die Krämpfe, die den Deutschen in den Pyrenäen gequält hatten, blieben gestern aus. „Ich habe mich heute sehr gut gefühlt“, sagte er im Ziel. Klöden hatte im Frühjahr fünf Wochen wegen einer schweren Verletzung pausieren müssen und reiste deshalb mit einem Vorbereitungsdefizit nach Frankreich. Deshalb will er auch nicht über den Gesamtsieg reden. „Ich möchte versuchen, Tag für Tag Zeit gut zu machen. Weiter denke ich nicht.“

Floyd Landis hingegen wagt mittlerweile durchaus, an den kommenden Sonntag und die Siegerehrung in Paris zu denken. Am vergangenen Samstag hatte Landis das Gelbe Trikot widerstandslos an Oscar Pereiro abgegeben, weil er sein Team für zu schwach hielt, die Führung eine Woche lang zu halten, wie er sagte. Eine umstrittene Entscheidung, die Landis jedoch in L’Alpe d’Huez verteidigte. „Jeder, der etwas von Radsport versteht, weiß, dass das schlau von uns war.“ Für die letzten fünf Tage hält er sich und seine Mannschaft jedoch für stark genug. Allerdings, sagte er vorsichtig, „die Dinge können sich schnell wieder ändern, auch für mich“.

Die Tour ist eben noch nicht entschieden, wie sie das in der Zeit eines Lance Armstrong zu diesem Zeitpunkt oft schon war. Der US-Amerikaner hatte zuletzt vor zwei Jahren in L’Alpe d’Huez gewonnen. Ein Jahr nach seinem siebten und letzten Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt kehrte er gestern an den Ort seiner früheren Triumphe zurück. Armstrong stattete seinem Team Discovery Channel einen Besuch ab und zog dabei beleidigende Aussagen über Frankreichs Fußball-Nationalteam zurück. „Meine Äußerungen sind missverstanden worden – sie waren nur Teil einer großen Comedy-Show“, sagte Armstrong. Der 34 Jahre alte ehemalige Radprofi hatte nach der Niederlage im WM-Finale gegen Italien die französischen Spieler um Zinedine Zidane als „Arschlöcher“ tituliert. Am Montag hatte das französische Boulevardblatt „France Soir“ Armstrong mit der Schlagzeile begrüßt: „Bienvenue en France, asshole!“

Natürlich war der Streit um Armstrong nur eine Randgeschichte an einem Tag dieser Tour, an dem noch keine Vorentscheidung über den Gesamtsieg fiel. Für Frank Schleck war es trotzdem ein ganz wichtiger Tag. Seinen bisher größten Erfolg hatte der 26 Jahre alte Luxemburger im April dieses Jahres gefeiert, als er das Amstel Gold Race gewann. Sein gestriger Triumph übertraf diesen Sieg deutlich.

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