Sport : Wiedergeburt mit der Zange

Borussia Dortmund wähnt den Einzug ins Pokalfinale als Beginn einer neuen Zeitrechnung

Felix Meininghaus[Dortm]

Die große Pokalshow ging schon vor dem Anpfiff los: Auf der mächtigen Dortmunder Südtribüne wurde an weißen Fäden das Brandenburger Tor aus Stoff hochgezogen. Es war wie in einem Puppentheater mit gigantischen Ausmaßen. Dort, wo in der Realität die Quadriga steht, prangte das Wappen eines alteingesessenen Dortmunder Bierbrauers, auf der Mauer war zu lesen: „Hier regiert der BVB.“ Kaum zwei Stunden später hüpften die Profis in Schwarz-Gelb wie eine losgelassene Rasselbande vor ihren Fans auf und ab. Es war die pure Freude, die das Dortmunder Fußballvolk an einem frostigen Märzabend verband: Borussia Dortmund wird sich mit vielen tausend Anhängern im Schlepptau nach Berlin begeben, um dort am 19. April das Pokalfinale zu bestreiten. Das war die einzig wichtige Nachricht an einem Abend, der fußballerisch etliche Fragen aufgeworfen hätte, wäre der Jubel über das Erreichte nicht allumfassend gewesen.

„Wir sind jetzt einfach nur glücklich“, sagte Trainer Thomas Doll angesichts des kunterbunten Durcheinanders. „In Dortmund ist das Publikum ja in den letzten Jahren nicht sonderlich verwöhnt worden.“ Er sei nun ein Jahr in der Reviermetropole, referierte Doll, „für mich ist das heute ein sehr, sehr schöner Tag“. Und Nationalspieler Sebastian Kehl erinnerte daran, „wie viel die Leute hier in der Stadt in den letzten Jahren ertragen mussten“. Entsprechend groß sei nun die Befreiung, „man sieht ja, was hier los ist“.

Knapp 81 000 Zuschauer hatten das Halbfinale gegen den FC Carl Zeiss Jena im Stadion miterlebt und damit für die größte Kulisse gesorgt, die es im deutschen Pokal jemals gegeben hat. Sie sahen einen 3:0 (1:0)-Erfolg der Gastgeber gegen das Zweitliga-Kellerkind und mithin einen Sieg, der als standesgemäß zu bezeichnen ist. Zumindest, was das Resultat betrifft. Spielerisch herrschte mal wieder erschreckende Armut, und das, obwohl der BVB gegen einen angehenden Drittligisten fast eine Halbzeit lang in Überzahl spielte. Jenas Spielmacher Jan Simak war wegen Schiedsrichterbeleidigung vom Rasen geschickt worden. Sportdirektor Michael Zorc sprach hernach von einer „fußballerischen Zangengeburt“ und räumte freimütig ein: „Ein Highlight war das nicht.“

Doll stellte das Geschehen dagegen so offensiv dar, wie die Fans seine kickenden Mitarbeiter gerne mal erleben würden. Die Mannschaft habe es allen Kritikern gezeigt, verkündete der Trainer, „diese ewige Schwarzmalerei“ könne er schon lange nicht mehr hören. Ganz schön forsch angesichts der Vielzahl an Unzulänglichkeiten. Ein wenig Demut hätte dem 41-Jährigen gut zu Gesicht gestanden, denn der ärmliche Auftritt war vor allem der Angst geschuldet, die riesige Chance aus den Händen zu geben und sich zum Gespött der Nation zu machen. „Einige hatten Probleme, ihre Nerven in den Griff zu bekommen, weil so verdammt viel auf dem Spiel stand“, gestand Zorc. Auch Kapitän Christian Wörns hatte einige Kollegen ausgemacht, „denen man deutlich angemerkt hat, worum es hier ging“.

Tatsächlich gab es viel zu verlieren für einen Verein, der schwere Zeiten durchgemacht hat und in der Liga grauestes Mittelmaß darstellt. Nun bietet der Pokal eine elegante Möglichkeit, doch noch ins internationale Geschäft zurückzukehren. Ein Sieg von Bayern München im zweiten Halbfinale gegen Wolfsburg vorausgesetzt, wäre das Ziel Uefa-Cup frühzeitig erreicht, wenn der Branchenführer sich erwartungsgemäß für die Champions League qualifiziert. Die Mannschaft werde sich das Spiel gemeinsam in einem Restaurant anschauen, kündete Wörns an, „und den Bayern die Daumen drücken“.

Es könnten sich für den BVB angesichts einer verkorksten Saison also doch noch erstaunlich gute Perspektiven ergeben. „Dieser Sieg könnte eine Initialzündung für den Verein sein“, verkündete Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Eine Einschätzung, die vor allem dann Gültigkeit habe, „wenn wir in Europa dabei sind“. Watzke hob das Pokalspiel gegen Jena in historische Dimensionen. Dortmunds Sanierer erinnerte daran, dass sein Verein vor drei Jahren dem Tod durch Insolvenz nur mit knapper Not von der Schippe gesprungen war und hernach keine großen Sprünge machen konnte. Nun winkt eine Zukunft, in der sich der BVB wieder wesentlich aktiver auf dem Transfermarkt bewegen kann. Und deshalb verkündete Watzke kurz vor Mitternacht in den Katakomben des Dortmunder Stadions, dies sei „sportlich der schönste Tag, seit ich in diesem Verein bin“.

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