Wiedersehen bei Hertha : Neuköllner Faustrecht

Am Sonntag will Bielefelds Trainer Christian Ziege Punkte holen – bei Hertha, wo der gebürtige Berliner seit zehn Jahren Mitglied und sein Freund Markus Babbel seit dieser Saison Trainer ist.

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Er schwingt die Faust: Der Neuköllner Christian Ziege kommt mit Arminia Bielefeld am Sonntag in seine alte Heimat Berlin, um endlich in der Zweiten Liga zu punkten.
Er schwingt die Faust: Der Neuköllner Christian Ziege kommt mit Arminia Bielefeld am Sonntag in seine alte Heimat Berlin, um...Foto: dpa

Wenn alles gut läuft, bekommt Christian Ziege Anfang der kommenden Woche gewaltigen Ärger mit seinem Klub. Vielleicht muss er sich wegen vereinsschädigenden Verhaltens rechtfertigen, wenn Arminia Bielefeld am Sonntag am dritten Spieltag der Zweiten Fußball-Bundesliga einen Punkt aus dem Olympiastadion entführt oder sogar gewinnt. Angeleitet von Christian Ziege, der Bielefeld als Trainer und Manager dient und bei Hertha BSC mit der Mitgliedsnummer 2000 geführt wird. Beiträge hat er noch nie bezahlt, aber „ich werde immer eingeladen zu den Mitgliederversammlungen“, er hat sie alle geschwänzt.

Dieter Hoeneß hat Ziege vor gut zehn Jahren im Zuge einer PR-Kampagne zum Eintritt bei Hertha überredet. Ziege ist in Neukölln groß geworden, an der Harzer Straße im Schatten der Mauer, über die er als Kind so viele Bälle gekickt hat, dass die Grenzsoldaten einen eigenen Laden hätten aufmachen können. Er hat auch mal für Hertha gespielt, aber für die kleine aus Zehlendorf, mit der er in der B-Jugend Deutscher Meister wurde und wo er sich als 17-Jähriger interessant machte für den FC Bayern. Später hätte Dieter Hoeneß den gereiften Ziege gern als Profi für Hertha verpflichtet, aber der wechselte vom AC Mailand lieber in die Premier League zum FC Middlesbrough.

Mit 38 Jahren erfindet sich Christian Ziege gerade neu. Wahrscheinlich geht so etwas nur in Bielefeld. Bei einem Klub, der vor ein paar Wochen so gut wie tot war. Der sich bei so ziemlich jedem größeren Unternehmen der Stadt Geld borgen und so ziemlich alle guten Spieler verkaufen musste, weil die frühere Geschäftsführung keinen Wert gelegt hatte auf korrektes Haushalten. Ziege zahlte aus eigener Tasche das Trainingslager in Bayern und verkaufte das als teambildende Maßnahme, weil er auch die Spieler zur Finanzierung der Flugtickets zitierte. Seine Frau kochte der Mannschaft Nudeln mit Tomatensauce. Mehr Basisarbeit geht kaum für einen 71-maligen Nationalspieler, der 1996 dabei war, als Deutschland Europameister wurde.

Wer es schlecht meint mit Ziege, der sieht in Bielefeld sein Fegefeuer, eine Art Bestrafung für das Zaudern in seiner kurzen Zeit als Sportdirektor in Mönchengladbach, für den mutlosen Versuch als Kotrainer von Hans Meyer, den er 2008 schon nach ein paar Wochen abbrach, weil er lieber Chef sein wollte.

Doch wer ihm in diesen Tagen begegnet, der wundert sich über sein offenes Lachen, über die gute Laune und die Energie, die der früher so oft in sich gekehrt wirkende Ziege ausstrahlt. Er hat Spaß an seinem Job, auch wenn die Ergebnisse besser sein könnten. Zwei Spiele, zwei Niederlagen – in Berlin steht der Trainer Ziege schon ein bisschen unter Druck, genauso wie der Sportdirektor Ziege, der die Mannschaft zusammengestellt hat, mit einem Etat, wie er keinem ambitionierten Drittligisten zur Ehre gereicht. Ziege hat bewusst darauf verzichtet, einen Tabellenplatz als Ziel auszugeben. Nicht abzusteigen wäre schon ein Erfolg, auch das unterscheidet ihn von seinem Freund Markus Babbel, der seit dieser Saison bei Hertha als Trainer amtiert.

Am Sonntagabend hat Ziege etwas getan, was er früher so nie getan hat. Er hat geredet, ohne Manuskript bei der Jahreshauptversammlung. Er komme ja nicht so vom Reden, sondern aus Neukölln, da habe schon früher das Faustrecht geherrscht, sagte er – und schon grölte der ganze Saal. Neukölln geht immer, auch in der Bielefelder Stadthalle. Vom Faustrecht findet er nahtlos den Weg zum Kampfgeist im Stadion auf der Alm, wo allen Gegnern wieder wie früher die Knie zittern müssten. Am Ende ist Ziege mit Ovationen gefeiert worden, und im Publikum dachten sie, wenn sie so einen schon früher gehabt hätte, dann wäre vieles besser geworden und Arminia jetzt kein Abstiegskandidat in Liga zwei.

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