Sport : Wiedersehen mit alten Bekannten

Australien schlägt Uruguay im Elfmeterschießen und qualifiziert sich erstmals wieder seit der WM 1974 in Deutschland

Alexander Hofmann[Sydney]

Einen Moment lang herrschte atemlose Stille im Olympiastadion von Sydney. Die Stille hielt nur für die Sekunden an, die zwischen John Aloisis Anlauf zum Elfmeter und dem Moment lagen, in dem der Ball das Tornetz ausbeulte. Alles, was dann folgte, war Jubel. Im Stadion herrschte eine Art Ausnahmezustand, jeder herzte jeden: auf dem Spielfeld, auf den Rängen. Und weit über Sydneys Stadtgrenzen hinaus versank ein ganzer Kontinent, der sich sonst eher für Cricket und Rugby begeistert, in einen kollektiven Fußball-Taumel. Erstmals seit 1974 hatte sich Australien wieder für die Endrunde einer Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert. 1:0 (1:0, 1:0) nach Verlängerung hatte die australische Mannschaft das Rückspiel in der WM-Qualifikation gegen Uruguay gewonnen. Und weil das nach der 0:1-Niederlage aus dem Hinspiel noch nicht reichte, musste das Elfmeterschießen entscheiden. 4:2 siegten da die Australier.

Aloisi, der letzte Schütze, riss sich nach seinem Elfmeterschuss das Trikot vom Leib und wirbelte es durch die Luft. „Davon hat ganz Australien 32 Jahre lang geträumt“, stammelte er. „Wir können es noch nicht glauben. Wir sind dabei.“

Das Spiel war allerbestens geeignet, um Helden zu gebären. Neben Aloisi, der in Spanien bei CD Alaves unter Vertrag steht, erkoren die Australier in Sydney einen Deutschstämmigen zu ihrem neuen Fußball-Liebling: Torwart Mark Schwarzer. Der 33-Jährige, der für den 1. FC Kaiserslautern und Dynamo Dresden nur etwas mehr als eine Hand voll Bundesligaeinsätze bestritten hat, wehrte im Elfmeterschießen die Schüsse von Dario Rodriguez, der bei Schalke 04 spielt, und Marcelo Zalayeta ab. Dabei hätte Guus Hiddink, niederländischer Trainer der Australier, fast eine folgenschwere Entscheidung gegen Schwarzer getroffen. „Ich wollte ihn eigentlich schon auswechseln“, sagte Hiddink. „Unser Ersatztorwart Zeljko Kalac hat schließlich schon mehr Elfmeter gehalten.“

Marco Bresciano vom FC Parma hatte für Australien in der 35. Minute das 0:1 aus dem Hinspiel in Montevideo – Torschütze: Dario Rodriguez – wettgemacht. Die Uruguayer spielten mitunter eleganter, auch harmonischer. Aber die Gastgeber hielten mit einer geradezu brachialen Kampfkraft dagegen. „Es war ein Erfolg auf die harte Tour, aber wir haben es geschafft“, jubelte Aloisi. Mitentscheidend war auch, dass Guus Hiddink nach einer halben Stunde den Liverpooler Stürmer Harry Kewell einwechselte, der bei seiner ersten Aktion den Treffer von Bresciano vorbereitete. Kewell, monatelang verletzt, düpierte die Gegner ein ums andere Mal und schuf ständig Gefahr.

Der zweimalige Weltmeister Uruguay erlebte mit dem Ausscheiden gegen den vermeintlichen Außenseiter einen der bittersten Momente seiner Fußball-Geschichte. Stürmerstar Alvaro Recoba von Inter Mailand hatte die WM-Teilnahme vor dem Match noch als „göttliches Recht Uruguays“ bezeichnet. Die himmlische Hilfe blieb aus. Die Niederlage ging den Uruguayern dermaßen unter die Haut, dass Verteidiger Paolo Montero schon kurz nach dem Schlusspfiff seinen Rücktritt aus der Nationalelf erklärte. Trainer Jorge Fossati sagte kleinlaut: „Ich entschuldige mich, dass wir den Traum der Uruguayer nicht erfüllen konnten.“

Australiens Premierminister John Howard gratulierte seiner Mannschaft kurz nach Spielschluss. Manche sähen indes lieber einen anderen Mann an der Spitze. „Guus for Prime Minister“ lautete eines der Transparente im Stadion. Der Holländer Guus Hiddink hat mit dem Erfolg – nach dem sensationellen Erreichen des WM-Halbfinals 2002 mit Südkorea – erneut bewiesen, dass er auch kurzfristig aus Teams das Maximale herausholen kann. Erst vier Monate ist er im Amt. Noch vor vier Jahren waren die Australier in der Qualifikation gegen Uruguay 0:3 untergegangen, nachdem sie das Hinspiel in Australien 1:0 gewonnen hatten.

Für den Fußball in Australien ist die zweite Teilnahme bei einer WM – wie 1974 auch diesmal in Deutschland – ein enormer Gewinn. Jahrzehntelang musste die „Einwanderersportart“ der Nachkriegsimmigranten auf dem sportverrückten Kontinent hart kämpfen: um Anerkennung, um Aufmerksamkeit in den Medien, um Geld. Alle australischen Stars spielen in Europa, die heimische Liga ging Pleite und wurde erst vor ein paar Monaten wieder belebt. Der frühere deutsche Nationalspieler Pierre Littbarski ist Trainer vom Glamourklub Sydney FC und ist sich sicher: „Das wird dem Fußball hier einen gewaltigen Schub geben.“

Das Fußballfieber lässt sich jetzt in Australien wohl kaum noch aufhalten. Schon der Sprecher im australischen Fernsehen flehte die Zuschauer nämlich vor dem Elfmeterschießen an: „Wenn Sie nur ein kleines bisschen religiös sind, jetzt ist die Gelegenheit.“ Das Beten half.

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