Sport : Wiedervereinigung am Brett?

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Von Martin Breutigam

Seit neun Jahren leidet das Ansehen des Profischachs darunter, dass niemand wirklich weiß, wer der Weltmeister ist. Stets erheben mindestens zwei Spieler Anspruch auf den höchsten Titel. Es gibt zwei Verbände, den Weltschachbund Fide und einen anderen, für den inzwischen die Londoner „Einstein-Gruppe plc“, die einen privaten Fernsehsender betreibt, Rechte beansprucht. Doch es scheint Besserung in Sicht: Am kommenden Montag wollen Funktionäre beider Lager mit Geldgebern und Großmeistern in Prag über eine Wiedervereinigung reden. Einen Tag, nachdem im Zofin-Palast das bislang bedeutendste Schachturnier Tschechiens endet.

Drei Umstände nähren die Hoffnung auf Einigung: das beiderseitige Interesse an Gesprächen, das Engagement von Großmeistern wie Yasser Seirawan, der mit seinen Vorschlägen den Anstoß gab, und das eben auch notwendige Geld einer gewissen Madame Nahed Ojjeh. Die Mittvierzigerin machte unlängst in ihrer Wahlheimat Frankreich als Schachmäzenin von sich reden. Nun hat Ojjeh, Tochter des syrischen Verteidigungsministers Mustafa Tlass und Witwe des saudi-arabischen Milliardärs Akkram Ojjeh, insgesamt 800 000 US-Dollar Preisgeld für eine Wiedervereinigung in Aussicht gestellt. In einer gemeinsamen Erklärung machten Ojjeh und die Einstein-Gruppe Vorschläge, wie in den kommenden Jahren der Fide- und der Einstein-Zyklus in einen Wettkampf münden könnten. „Einstein"-Weltmeister Wladimir Kramnik solle demnach seinen Titel zunächst gegen einen im Juli in Dortmund zu ermittelnden Herausforderer verteidigen.

Fide-Weltmeister Ruslan Ponomarjow träfe eventuell auf den Weltranglisten-Ersten Garry Kasparow, sofern dieser sich vorher gegen den Sieger eines Matches zwischen Viswanathan Anand gegen Wassili Iwantschuk durchsetzt. 2004 könnte es dann ein Vereinigungsmatch geben. Ob Garry Kasparow mitmacht, ist derzeit völlig unklar.

1993 hatte Kasparow mit seinem Herausforderer Nigel Short der Fide den Rücken gekehrt, einen eigenen Verband gegründet, die Professional Chess Association (PCA), und damit das bis heute anhaltende Chaos ausgelöst. Alles sollte professioneller vermarktet werden. Doch im vertrauten Kreis hatte Kasparow seinen Entschluss bald bereut. Tatsächlich maß er sich nur dreimal mit einem Herausforderer: nach Short folgte 1995 ein klarer Sieg über den Inder Anand und im November 2000 eine Niederlage gegen Kramnik. Inzwischen hatte sich der PCA-Verband aufgelöst.

Mehr denn je scheint Fide-Präsident Kirsan Iljumschinow an einem Kompromiss interessiert. Er erwarte einen „Geist des Wohlwollens“ in Prag. Nicht nur von Topspielern hatte er Kritik an seinem Führungsstil einstecken müssen. Insbesondere die von Iljumschinow durchgesetzte Verkürzung der Bedenkzeit von sieben auf maximal vier Stunden stieß vielfach auf strikte Ablehnung. Die Einstein-Gruppe will ausschließlich so genanntes klassisches Schach mit langer Bedenkzeit spielen lassen.

Jedoch stießen längst nicht alle Einstein-Pläne auf Zustimmung, beispielsweise bei den Beratungen der europäische Schachunion (ECU) am vergangenen Wochenende in Budapest. Horst Metzing, ECU-Generalsekretär und DSB-Geschäftsführer, hält es etwa für „inakzeptabel, wenn die Fide ihre Zuständigkeit für Weltmeisterschaften mit längerer Bedenkzeit verlöre".

Derweil sitzen seit Sonntag fast alle weltbesten Spieler in Prag zusammen, um Schnellschach im K.-o.-System zu spielen. Es geht um einen Preisfonds von 500 000 Euro. Nur Fide-Weltmeister Ponomrajow hat abgesagt. Sein Einstein-Pendant Kramnik scheiterte in der zweiten Runde an Altmeister Anatoli Karpow.

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