Sport : Wiedervereinigungsspiel

Nord- und Südkorea spielen gegeneinander Fußball, und keinen interessiert das Ergebnis

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Von Harald Maass

Sie waren die Überraschungsmannschaft der Fußball-WM. Sie besiegten Spitzenteams wie Italien und Spanien. Doch als Südkoreas Nationalfußballer am Samstagabend das Worldcup-Stadion in Seoul betraten, standen sie vor ihrem wichtigsten Spiel in diesem Jahr. Einem Spiel, bei dem sich niemand der 60 000 Zuschauer für den Spielstand interessierte. Denn der Gegner war Nordkorea.

Erstmals seit neun Jahren spielten die beiden Koreas wieder gegeneinander Fußball. Besser sollte man sagen: miteinander. Denn allein dass dieses Spiel stattfand, ist für die koreanische Halbinsel ein politischer Erfolg. Während der Fußball-WM im Juni, die Nordkorea boykottierte, hatten sich beide Koreas noch ein tödliches Seegefecht geliefert. Südkoreas „Sonnenscheinpolitik" zur Annäherung an den Norden schien gescheitert. Zwischen Pjöngjang und Seoul, die seit einem halben Jahrhundert weder Telefonverbindungen noch einen Postweg unterhalten, herrschte wieder Kalter Krieg.

Doch dann bewegte sich was. Vor einigen Wochen nahmen beide Seiten wieder vorsichtig Kontakte auf. Militärische Entspannungsgespräche wurden vereinbart. Die seit dem Korea-Krieg unterbrochene Eisenbahnstrecke zwischen dem Norden und den Süden soll wieder verbunden werden. Gemeinsame Wirtschaftsprojekte werden entwickelt. Doch nirgends zeigte sich die Hoffnung der Koreaner so deutlich wie bei diesem Fußballspiel, das die Zeitungen in Südkorea das „Wiedervereinigungsspiel" genannt haben.

Nordkorea war einst die erfolgreichste Fußballnation in Asien. Bei der WM 1966 in England schossen die Nordkoreaner Italien mit 1:0 aus dem Turnier. Ebenso plötzlich, wie sie gekommen waren, verschwanden die Nordkoreaner danach von internationalen Turnieren. Mit den Siegen bei der WM im eigenen Land knüpfte Südkorea an den damaligen Erfolg des Nordens an.

Drei Tage vor dem Spiel landete die nordkoreanische Delegation in Seoul. 45 Spieler, Betreuer und Funktionäre hat das Regime geschickt. Für sie war es eine Reise in eine andere Welt. Auf dem winzigen Flughafen Pjöngjang, der noch aus der Sowjetzeit stammt, waren sie gestartet. In Seoul landeten sie in Incheon, einem der modernsten Flughäfen der Welt mit Designerläden und Edelrestaurants. Jeder Nordkoreaner hatte einen Anstecker mit dem Foto des verstorbenen Diktators Kim Il Sung auf der Brust – wie es zu Hause Pflicht ist.

Das Fußballspiel ist ein Test. Ende September finden in der südkoreanischen Stadt Pusan die Asienspiele statt, an denen auch Nordkorea mit einer großen Delegation teilnehmen wird. In einer symbolischen Geste tauschten am Samstag Läufer aus Nord- und Südkorea an der schwer bewachten Demarkationslinie Fackeln aus. Die Feuer waren auf dem höchsten Berg im Norden und im Süden angezündet worden. „Das Feuer repräsentiert den Wunsch der 70 Millionen Koreaner nach Wiedervereinigung", sagte ein Läufer bei der Übergabe. Sport ist in Korea in diesen Tagen mehr als nur Sport. Und Ergebnisse sind nur eine Fußnote wert: Das Spiel endete 0:0.

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