Wieses Kung-Fu-Einlage : Hauptdarsteller in einem schlechten Film

Tim Wiese springt wie ein Kung-Fu-Kämpfer über das Spielfeld – trotzdem stellt sich Werder Bremen schützend vor seinen Torhüter.

Karsten Doneck[Hamburg]
Torwartattacke.
Torwartattacke. Bremens Keeper Tim Wiese steigt überhart gegen HSV-Stürmer Olic ein. -Foto: dpa

Filme mit dem 1973 verstorbenen Schauspieler Bruce Lee gehören in der Regel nicht zur gehobenen Kultur. Schon mancher Filmtitel klingt martialisch: „Der Mann mit der Todeskralle“ oder „Die Todesfaust des Cheng Li“. Mit solchen Brutalo-Filmen hat ein Dietmar Beiersdorfer eher wenig im Sinn. Der Sportchef des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV gilt vielmehr als tiefschürfender Feingeist. Dennoch griff Beiersdorfer nach der 0:1-Niederlage gegen Werder Bremen am Mittwochabend tief in die Schundkiste der Cineasten. „Die Szene mit Tim Wiese hat mich an Bruce Lee erinnert“, stellte er fest. Sein Fazit: „So etwas gehört nicht auf den Fußballplatz.“ In der Tat: Es war schlechtes Kino, was Tim Wiese da vorführte.

Tim Wiese ist ein smarter Typ: viel Gel im Haar, gerne große Klappe, als Ferrari-Fahrer flott unterwegs. Von Beruf ist er Fußballtorwart bei Werder Bremen: oft Weltklasse, ab und zu hat er mal einen Aussetzer. Gegen den HSV fiel der 26-Jährige kurz vor der Pause höchst unangenehm auf: Wie ein Kung-Fu-Kämpfer sprang er, das gestreckte rechte Bein voran, außerhalb seines Strafraums den heraneilenden Ivica Olic an, traf den HSV-Stürmer an der linken Schulter. So unkontrolliert und rücksichtslos wie Wieses Aktion aussah, bestand für Bruchteile von Sekunden ernsthaft die Gefahr, dass der Torhüter mit seinen Stollen Olic im Gesicht trifft – mit nicht auszudenkenden Verletzungsfolgen. Franz Beckenbauer kommentierte im Fernsehsender „Premiere“ die Szene etwas zu drastisch: „Das war schon fast ein Mordversuch.“ Es kam aber nur ein einziges Strafmaß in Frage: die Rote Karte. Schiedsrichter Lutz Wagner zückte lediglich Gelb gegen Wiese. Eine Fehlentscheidung.

Der SV Werder ist ein feiner, sympathischer, ein ruhiger Verein. Wie die Bremer nachher aber mit dem Fall Wiese umgingen, war fast schon schäbig: keine wirkliche Empörung über Wieses Verhalten, keine vernünftige Entschuldigung, keine versöhnlichen Worte. Selbst Werders Sportdirektor Klaus Allofs, sonst ein Mann des Ausgleichs, fand nur Rechtfertigungen für seinen Torwart: „Wer das Spiel kennt, weiß, dass das keine Absicht war.“ Tim Wiese seinerseits zeigte auch nach dem Betrachten der erschreckenden Fernsehbilder wenig Reue. „Ich treffe noch kurz den Ball, das sieht man auch in der Zeitlupe nicht so richtig“, redete er sich heraus. Sein Trainer Thomas Schaaf stellte sich bockig: „Von mir gibt’s keinen Kommentar zu keiner Szene.“

Dabei rief Tim Wieses Aktion böse Erinnerungen wach. Insbesondere an den 8. Juli 1982. Beim WM-Halbfinale in Sevilla läuft die 58. Minute im Spiel Deutschland gegen Frankreich, als der deutsche Torhüter Toni Schumacher außerhalb des eigenen Strafraums im Kampf um den Ball mit ungeheurer Brutalität den französischen Mittelfeldspieler Patrick Battiston umrennt. Battiston verliert zwei Zähne und erleidet einen Wirbelbruch. Als Schumacher von den Verletzungen hört, bietet er nach dem Spiel flapsig an, für die Kosten der Jacketkronen aufzukommen.

Ivica Olic, der Hamburger, kam mit einer Prellung im Nackenbereich glimpflicher davon. „Der konnte danach doch weiterspielen“, sagte Wiese. Und: „Olic muss da ja nicht hingehen.“ Äußerungen, die zeigen, dass dem SV Werder das Gespür abhanden gekommen zu sein scheint, auf eigene, offensichtliche Fehler auch mal mit Demut zu reagieren.

Schiedsrichter Lutz Wagner, der mit der Leitung des rau geführten Nordderbys zuweilen überfordert schien, stellte später die Bremer Frank Baumann und Jurica Vranjes für vergleichsweise harmlose Vergehen vom Platz. Und erhöhte damit den Diskussionsbedarf über die Verhältnismäßigkeit von Sanktionen im Profifußball generell: Wenn Wieses brutaler Einsatz durch eine Gelbe Karte wirklich ausreichend bestraft ist, muss dann wirklich ein leichtes Trikotzupfen wie das von Baumann gegen Hamburgs Rafael van der Vaart geahndet zu werden?

Werder Bremen und der FC Schalke 04 werden nun an den beiden letzten Spieltagen Platz zwei hinter dem Deutschen Meister Bayern München unter sich ausspielen. Wenn Werder dann Vizemeister geworden sein sollte, wird der Kopf auch wieder frei sein für sachlichere Einschätzungen von unliebsamen Situationen.

Toni Schumacher hat sich damals bei Patrick Battiston entschuldigt. Der Franzose nahm die Entschuldigung an.

0 Kommentare

Neuester Kommentar