Sport : Wieso Angst?

Die deutsche Mannschaft steckt in der ersten echten Krise unter Joachim Löw. Spieler und Verantwortliche sind trotzdem davon überzeugt, dass die EM für sie nicht am Montag gegen Österreich enden wird

Oliver Bierhoff sieht so aus, als wäre die entscheidende Schlacht schon geschlagen. Ein kleiner Kratzer zieht sich durch das Gesicht des Managers, direkt unter dem rechten Auge. Der smarte Bierhoff, der als Spieler Werbung für Haarshampoo und Danone gemacht hat, ist so etwas wie das Gesicht der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Deren glänzende Fassade hat mit der Niederlage gegen Kroatien eine Schramme bekommen. Wie Oliver Bierhoff. Das Überraschende ist, dass Bierhoffs Äußeres dadurch etwas Kriegerisches bekommt. Das passt zur Situation der Mannschaft, die plötzlich ganz anders ist. „Die Mannschaft braucht jetzt Druck“, sagt Bierhoff. „Viele Sachen entstehen unter Druck: Öl, Diamanten, solche Sachen.“ Wenn die Mannschaft diese Situation übersteht, kann sie noch richtig schön und wertvoll werden.

Im loungig durchgestylten Wellnesslager der deutschen Equipe hat sich der Ton vor dem entscheidenden Spiel gegen Österreich verschärft. Ein Unentschieden brauchen die Deutschen gegen den Turniergastgeber, um das Viertelfinale zu erreichen. Vor ein paar Tagen hätte diese Aussicht die Nation noch amüsiert, doch jetzt ist tatsächlich vom Ausscheiden die Rede und vom möglichen Ende der dann kurzen Ära Löw. Die Boulevardpresse beschäftigt sich schon mit der Nachfolge des Bundestrainers. Vor dem letzten Vorrundenspiel der Gruppe B haben sich die Relationen verschoben. Aus dem Zwerg Österreich, der Nummer 92 der Fifa-Weltrangliste, ist nach zwei Turnierauftritten ohne Sieg und nur einem (Elfmeter-)Tor ein gefühlter Riese geworden; die Deutschen hingegen haben sich durch die Niederlage gegen Kroatien zurück zu Zwergen geschrumpft. „Wir haben eine Mannschaft, die 2004 nach der EM am Boden lag, an die Spitze Europas gebracht“, sagt Bierhoff. Aber wenn die Deutschen am Montag in Wien verlieren, liegen sie wieder am Boden.

Das wird nicht passieren, lautet die Botschaft, die von nun an in die Welt hinausgeschickt wird. „Die Mannschaft wird den Druck aushalten“, sagt Oliver Bierhoff. „Diese schweren Momente haben wir immer überstanden.“ Aber wirklich schwere Momente, eine vergleichbare Situation, hat es in der Amtszeit des Bundestrainers Joachim Löw noch gar nicht gegeben. Die letzte Krise der Nationalelf wurde durch das 1:4 gegen Italien in Florenz ausgelöst. Damals hieß der Bundestrainer noch Jürgen Klinsmann.

Man darf da nicht so kleinlich sein. In Krisenzeiten bastelt sich jeder seine eigene Wahrheit, und die Wahrheit der deutschen Mannschaft lautet jetzt: Wir können das, wir schaffen das – und wer ist eigentlich Österreich? Es interessiere ihn nicht, wer bei denen auf dem Platz stehe, sagt Torsten Frings. Der Bremer braucht keine Schramme im Gesicht. Der Mittelfeldspieler mit der wilden Mähne und den noch wilderen Tattoos ist so etwas wie die deutsche Antwort auf Edgar Davids, jenen furchtlosen Abräumer der früheren holländischen Mannschaft, der zehn Jahre als das Sinnbild eines modernen Zerstörers galt. Plaudereien vor einem entscheidenden Spiel braucht Frings so wenig wie ein Kaktus Wasser. Wenn er sich durchringt, ein paar Sätzchen zu sagen, dann erinnert es an den Trash-Talk, jene Unterhaltungsform, die man von zwei amerikanischen Profiboxern vor einem Titelkampf kennt.

Während Frings im Pressezentrum seine knappen Sätze sagt, fixiert er mit den Augen einen Flachbildfernseher an der Seite, auf dem gerade ein paar Szenen aus dem Kroatienspiel gezeigt werden: Frings im Zweikampf, Frings am Boden, Frings beim Richten seines Haarbandes, Frings beim Hinterherrennen, Frings, wie er schimpft und diskutiert. Dann sagt er: „Das ist für die Mannschaft ein richtiges Superspiel: Du kannst dich präsentieren und den Gastgeber rausschmeißen.“ Wie auf dem Feld sucht Frings auch verbal die humorlose Lösung: Man könne sich als Mannschaft ein ganzes Stück nach vorne bringen. Dann steckt er mit links die Haare hinters Ohr und schließt seinen kleinen Monolog mit den Worten: „Du hast jetzt eine Drucksituation, es wird nicht die letzte sein in diesem Turnier.“

Sätze wie diese kommen jetzt gut an. Sie klingen nach Überzeugung, nach Mut und Stressresistenz. Wieso Angst?, fragt Bierhoffs Blick. „Die haben wir nicht“, weil man sie nicht haben dürfe, „das wäre das Verkehrteste“, sagt Bierhoff und schiebt leise hinterher: „Wir sind uns der Situation aber bewusst.“ Man werde die restliche Zeit bis zum Anpfiff hochkonzentriert verbringen und mit Selbstvertrauen. „Wir dürfen jetzt keine Angst ausstrahlen.“ Man werde an der großen Linie festhalten, sagt Bierhoff, auch wenn die Mannschaft jetzt einmal nicht das umgesetzt habe, „was wir ihr immer wieder eingeprügelt haben“. Jetzt, gegen Österreich, sind die Spieler gefordert. Wenn die Mannschaft das bringe, was sie kann, „dann kann es nur einen Sieger geben – und das ist Deutschland“. Der Wohlfühl-Architekt hat gesprochen.

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