Sport : Wieso, warum – keine Ahnung

Wächst sich Herthas Heimschwäche zur Phobie aus? Die Profis sind ratlos, der Trainer sieht Fortschritte

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Kein Halten mehr! Stürmer Pierre-Michel Lasogga konnte sich mit Hertha gegen Mönchengladbach (hinten Roman Neustädter) nicht aus der Umklammerung befreien. Foto: dapd
Kein Halten mehr! Stürmer Pierre-Michel Lasogga konnte sich mit Hertha gegen Mönchengladbach (hinten Roman Neustädter) nicht aus...Foto: dapd

Berlin - Länderspielpausen sind bei den Trainern der Fußball-Bundesliga nicht besonders beliebt. Sie stören den Rhythmus, und auch eine professionelle Trainingsgestaltung ist kaum möglich, wenn die Hälfte des Teams irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs ist. Markus Babbel, der Trainer von Hertha BSC, sieht der aktuellen Unterbrechung des Spielbetriebs mit Freude entgegen. Zum einen fehlen ihm in Roman Hubnik, Pierre-Michel Lasogga, Sebastian Neumann und Alfredo Morales nur vier Profis. Zum anderen besteht für seine Spieler die Möglichkeit, seelisch und körperlich ein wenig zu regenerieren, „den Kopf frei zu bekommen und alles mal sacken zu lassen“. Und Babbel selbst hat eine Woche mehr Zeit, um für das nächste Heimspiel ein perfektes Ablenkungsmanöver zu ersinnen. „Ich werd’ mir wieder was einfallen lassen“, sagt er.

Vor dem Heimspiel gegen Stuttgart hatte Babbel eine hitzige Debatte über die mangelnde Arbeitsmoral des Berliners an sich ausgelöst und damit die Aufmerksamkeit von Herthas Heimschwäche abgelenkt. Genau das habe er bezweckt, behauptete er später, nachdem seiner Mannschaft im 17. Versuch endlich mal wieder ein Bundesliga-Heimsieg gelungen war. Herthas jüngste Auftritte im Olympiastadion, das blutarme 0:0 gegen Abstiegskandidat Mainz und die Niederlage am Samstag gegen Mönchengladbach, deuten jedoch daraufhin, dass das generelle Problem noch nicht behoben ist.

Im Gegenteil. Mit jedem Misserfolg wächst die Gefahr, dass sich Herthas Heimschwäche zur Phobie auswächst. „So wird das Thema nicht kleiner, sondern größer“, sagte Verteidiger Christian Lell nach dem 1:2 gegen Gladbach. „Da muss jetzt mal was passieren.“ Es ist keine akademisch abgehobene Debatte – sondern eine sportlich existenzielle Frage, die Hertha in näherer Zukunft beantworten sollte. „Wir müssen zu Hause unsere Spiele gewinnen“, sagt Torhüter Thomas Kraft. „Das ist das A und O.“ Dass die Probleme vor eigenem Publikum noch nicht stärker ins Gewicht fallen, liegt allein an Herthas vergleichsweise guter Auswärtsbilanz. Die Berliner haben auf fremden Plätzen exakt so viele Punkte geholt wie zu Hause. Aber Babbel will sich „nicht darauf verlassen, dass wir auswärts immer gewinnen“.

Generell kommt es seiner Mannschaft entgegen, wenn sie reagieren kann, gegen Gladbach aber trat sie zunächst wie ein Team ohne Komplexe auf: mit frühem Pressing und aggressivem Zweikampfverhalten: „Wir fangen erst mal langsam an“, ätzte Peter Niemeyer auf die Frage, warum Hertha nach 20 Minuten nicht mehr in der Lage gewesen sei, das Spiel zu machen. „Vor zwei Wochen konnten wir noch gar nicht das Spiel machen. Jetzt können wir es schon 20 Minuten.“

In der Heimtabelle ist Hertha Elfter. Das ist nicht dramatisch schlecht, relativiert sich aber, wenn man berücksichtigt, dass die Berliner außer gegen Stuttgart und Gladbach nur auf Teams aus der unteren Tabellenhälfte getroffen sind. „Die Kaliber, die nicht ganz einfach zu bespielen sind, kommen erst noch“, sagt Babbel. Bis zur Winterpause heißen die Heimgegner noch Leverkusen und Schalke.

Hertha ist sich selbst ein wenig ein Rätsel. „Wieso, warum – keine Ahnung“, sagt Lewan Kobiaschwili über die Heimschwäche. „Wir haben anders agiert als gegen Mainz, trotzdem hat es nicht gereicht.“ Trainer Babbel deutete den Auftritt dennoch als Fortschritt. „Die Mannschaft hat nicht gelähmt auf dem Platz gestanden. Wir können es ja“, sagte er. „Es hat mir gut gefallen, dass die Jungs nicht aufgegeben haben. Das ist der richtige Weg.“ Umso frustrierender war es, dass ihr Eifer nicht belohnt wurde. Hertha machte es den Gladbachern in den entscheidenden Momenten zu leicht. Vor dem 1:2 zum Beispiel, als ein Diagonalball die komplette Berliner Defensive pulverisierte. „Es war fast schon klar, dass in dieser Phase das Tor fällt“, sagte Thomas Kraft. „Das Spiel ist wieder so vor sich hingeplätschert, wie wir’s gerne mal machen.“

Kapitän Andre Mijatovic mahnte bei seiner Mannschaft mehr Konzentration und auch ein bisschen mehr Cleverness an – vor allem, wenn sie führt. „Aber vielleicht denken wir: Das ist ein Heimspiel, da müssen wir den Zuschauern noch ein Extra bieten.“ Dabei wäre ein Heimsieg für Herthas Fans vermutlich schon Extra genug.

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