Sport : Wildwasser: Lederstrumpfs Erben in den Blauen Bergen

Martin Haegele

Erfolg hat bekanntlich viele Väter, und denen sollte man dann auch danken, wenn es am schönsten ist. Als im tschechischen Olympia-Haus in Sydney die Gläser gehoben wurden auf die erste Goldmedaille der Republik, hat sich die gefeierte Stepanka Hilgertova brav revanchiert. "Ohne Jaroslav Pollert hätten wir alle diesen großen Tag nie erlebt." Ja, was wäre die Welt des Sports ohne seine Funktionäre. Sportskamerad Pollert hat für seinen Sport gekämpft. Ohne Angst vor großen Namen schrieb er Briefe an Herrn Dr. Kohl, Monsieur Mitterand und Mister Al Gore. Die Mächtigsten der Welt sollten helfen, damit die Wildwasser-Paddler nicht aus dem olympischen Programm gekippt würden.

Der Fraktionschef der Slalom-Fahrer ist jetzt sehr stolz. Aber auch sein Vorgesetzter Ulrich Feldhoff redet wie einer, der gerade den Kreissaal aufrecht überlebt hat und nun jeden umarmen könnte. Der Deutsche spielt den Gastgeber im Zelt der Olympischen Familie, und die Wasser-Arena von Penrith ist in erster Linie sein Baby. Und die Geschichte, wie das gemacht wurde, darf nicht mehr umgeschrieben werden. So hat es Feldhoff kurz zuvor selbst Michael Knight erklärt, als Sydneys Olympiamacher zum Gratulieren vorbeikam. Der brauche sich gerade noch zu sonnen hier, nachdem er gesehen hat, wie das Publikum mit den Booten mitgeht auf ihrem wilden Parcours durch lauter kleine Wasserfälle. Und mittlerweile weiß, dass die Slalom-Anlage nach den Spielen erst recht zum Profitcenter wird.

Damals, als Kollege Pollert um Hilfe schreiben und Feldhoff eine Lobby auf die Beine bringen musste, waren die internationalen Wildwasser-Freunde von Knight erpresst worden. Das Organisationskomitee verlangte außer der Finanzierung ihrer Wettkampfstätte auch ein Nutzungskonzept für danach. Letzteres war einfach. Feldhoff kopierte das Modell des Augsburger Eiskanals, der für die Spiele 1972 gebaut worden war und als Einzige jener Olympiastätten heute noch schwarze Zahlen schreibt. Der einzige deutsche Funktionär, der einem olympischen Weltverband vorsteht, hat dann recht schnell Verbündete gefunden. Über die Hälfte der 6,5 Millionen Dollar steuerte der Staat New South Wales bei. 1,5 Millionen die Stadt Penrith (170 000 Einwohner), die das Boots-Karussell bewirbt wie Disneyland seine Abenteuer-Abteilung. Die übrigen 1,5 Millionen wurden als Solidaritätsbeitrag umgelegt auf die Mitgliedsverbände. Die Deutschen, Engländer und Franzosen zahlten 100 000 Dollar, die Paddler von Kirgisien, Namibia und Samoa waren mit 25 000 Dollar dabei.

Die Erben Lederstrumpfs haben sich dem modernen Fun-Gefühl angepasst. Erst vor kurzem wurde auch Rafting aufgenommen in den internationalen Kanu-Verband, was sich Feldhoff gern als persönlichen Clou angerechnet sähe. Noch wichtiger erscheint dem Patron aller Paddler und Flößer, dass seine Familie die größte Bedrohung überstand, die Sportverbände treffen kann: den Ausschluss von Olympia, wie das 20 Jahre lang der Fall gewesen ist nach München. So lange draußen vor der Tür, bis Barcelona.

Nun aber kann sie keiner mehr in die Isolation schicken, weil sie so mächtige Freunde gefunden haben. Die vom Fernsehen regieren nämlich mit in Samaranchs Reich. Und NBC hat bei dieser Gischt-Rallye Quoten wie sonst nur beim Abfeiern amerikanischer Olympia-Helden. Action, Action, nichts als Action, faszinierende Bilder vom Kampf des Menschen mit der wilden Natur. "Uns Kommentatoren fällt es schwer, bei diesem Bildschirm-Spektakel sportlich noch die Orientierung zu finden", sagt ARD-Reporter Jochen Sprentzel von der ARD. Auch in Deutschland ist die Randsportart über Nacht aus der Konserve ins Live-Programm befördert worden. So etwas zählt auch für Olympia-Veranstalter. Wer so wild Tickets verkauft und so gut TV-Quoten macht, den muss man mögen. "Die Zukunft ist gesichert", sagt Feldhoff. Athen lässt jetzt das Wildwasser-Stadion von Penrith nachbauen. Und mit den Delegationen der fünf Metropolen, welche 2008 Olympia spielen wollen, hat sich der deutsche Funktionär bereits verständigt. Das gleiche Konzept, aber ohne Kohle. Egal ob in Peking, Toronto oder Osaka, sie werden sich nie mehr selbst einkaufen müssen in die Firma.

Bleibt nur ein Problem: Mit Medaillen drauf sähen die schönen Bilder halt noch schöner aus. Und auch Ulrich Feldhoff aus Duisburg ist irgendwo das Hemd näher als die Hose. Dass sich Thomas Schmidt mit einem Husarenritt von Platz elf auf Platz zwei vorgekämpft hat in der Qualifikation fürs Finale im Einerkajak und André Ehrenberg und Michael Senft (3.) im Zweierkanadier heute im Frühstücks-Fernsehen um Gold, Silber und Bronze paddeln, das hat den Präsidenten doch noch träumen lassen, mit einer oder gar zwei Medaillen zurückzufahren aus den Blauen Bergen, so heißen die wirklich, nach Sydney und Deutschland.

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