Willi Lemke im Interview : „Ein Boykott von Sotschi wäre nicht hilfreich“

In Pjöngjang soll er mit Blumen posieren, in Brasilien vermittelt er in Favelas. Willi Lemke spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über Diplomatie im Sport und Stinkefinger bei Auswärtsspielen.

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Willi Lemke ist Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung und Aufsichtsratvorsitzender des SV Werder Bremen.
Willi Lemke ist Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung und...Foto: dpa/picturealliance

Herr Lemke, heute schon die Welt verbessert?
Davon bin ich fest überzeugt. Ich habe mit einem Regierungsvertreter aus Seoul über den Vorsitz der Arbeitsgruppe „Sport und Behinderung“ unserer internationalen Arbeitsgruppe zu Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden gesprochen. Wenn Südkorea den Vorsitz übernimmt, wäre das großartig.

Wofür setzen Sie sich als „UN-Sonderberater Sport für Entwicklung und Frieden“ noch ein?
Jugend, Afrika, Entwicklungszusammenarbeit. Ich stehe dafür jeden Morgen auf und bin glücklich. Ich bin ja, wie Sie wissen, unbezahlt. Ich kriege zwar alle Kosten erstattet, habe aber keinen Rentenanspruch. Sie wollten mich wohl auf den Arm nehmen: der Weltverbesserer, der Spinner …

Eher locken.
Sie locken mich nicht in die Falle, mein Job macht die Welt wirklich ein bisschen besser. Schauen Sie mal hier, meine Handyfotos: das Projekt in Kigali für Frauen, die mit HIV infiziert sind. Oder „Fight for Peace“, eine Initiative in der noch nicht befriedeten Favela Maré in Rio.

Solche Probleme können Sie mit der Kraft des Sports lösen?
Ich bemühe mich, doch den Sport in Israel und Palästina für Dialoge zu nutzen, ist zum jetzigen Zeitpunkt fast unmöglich. Nordkorea und Südkorea – das ist beinahe genauso schwer.

Kim Jong un hat Sie noch nicht empfangen.
Nein, aber ich wurde in Pjöngjang von den verantwortlichen Sportvertretern freundlich und respektvoll begrüßt.

Der frühere Basketballstar Dennis Rodman hat sich gern zusammen mit Nordkoreas Machthaber gezeigt.
Auch Bad Guys sind auf Popularität angewiesen. Mein Ziel ist, Süd- und Nordkorea zu bilateralen Sportgesprächen zu bewegen. Es gibt die Idee, dass es vielleicht mal wieder eine vereinte Mannschaft gibt. Allerdings habe ich selbst in Nordkorea ganz neue, unerwartete Erfahrungen gemacht.

Erzählen Sie mal.
Es geht los mit dem Flieger, der ist etwa 40 Jahre alt. Da springt der Pilot vor Ihnen direkt mit einem Schraubenzieher in den Laderaum. An der chinesisch-nordkoreanischen Grenze spielen sie auf einmal die Nationalhymne im Flugzeug. Und als ich ankam, stand auf dem Rollfeld in Pjöngjang kein einziges Flugzeug, stattdessen ein riesiges Empfangskomitee, um mich willkommen zu heißen. Und auf den Straßen, es ist kaum zu glauben, laufen Hunderte von Menschen, alle einheitlich gekleidet, die Straße runter. Das Bedrückendste ist jedoch das Gefühl, dass es kaum offene Meinungsäußerungen gibt. Die Bevölkerung steht zu Tausenden andächtig vor den Denkmälern des großen Führers.

2000 sind Nord- und Südkorea bei Olympia gemeinsam ins Stadion eingelaufen. Sport ist immer für Symbole gut. Welche Langzeitwirkung hatte das?
Das sind kleine Schritte. Unterschätzen Sie die nicht! Wir hatten jetzt vier Nordkoreaner bei unserem „Youth Leadership Camp“ in Gwangju in Südkorea. Das war ein großer Erfolg. Denn es ist wunderbar für diese Menschen, zurückzugehen und zu erzählen, wie es ihnen da ergangen ist.

IOC-Präsident Thomas Bach sagt: Der Sport muss autonom sein.
Sage ich auch.

Muss man nicht gerade politisch sein, um dem Missbrauch zu entkommen?
Der Sport ist ja in sich politisch. Wie die Religion, die Wissenschaft, die Kunst. Natürlich wird er auch missbraucht. Ich wurde zu einem Museumsbesuch im Geburtshaus des Großen Führers eingeladen, da sollte ich dann mit Blumen abgelichtet werden. Den Strauß habe ich schnell meiner Assistentin in die Hand gedrückt, um diesem Foto zu entgehen. Du musst eben höllisch aufpassen als Politiker, dass der Sport nicht instrumentalisiert wird. Ich habe das damals abgewendet, weil ich gut vorbereitet war. Wer nun sagt, man darf bei Olympia in Sotschi nicht antreten, weil es in Russland ein Gesetz gegen Menschen mit homosexueller Orientierung gibt, den frage ich: Habt ihr nichts gelernt aus dem misslungenen Olympiaboykott gegen Moskau und der Revanche in Los Angeles?

Zumindest Bundespräsident Joachim Gauck wird nicht zu den Winterspielen nach Sotschi fahren. Viele interpretieren das als Boykott aufgrund der umstrittenen Gesetze.
Bundespräsident Gauck hat für sich persönlich entschieden, nicht nach Sotschi zu fahren. Das ist eine Absage, aber noch nicht mit einem Boykott gleichzusetzen, denn er rief nicht öffentlich dazu auf, seinem Beispiel zu folgen. Außerdem gibt es keine Regel, dass der Bundespräsident immer zu allen Sportveranstaltungen fahren muss. Bundespräsident Köhler hat zum Beispiel auch nicht die Olympischen Winterspiele in Vancouver besucht.

Glauben Sie denn, dass ein Boykott von Sotschi etwas bringen würde?
Ein Boykott wäre nicht hilfreich. Man kann nicht zulasten des Sports politische Konflikte austragen. Es ist doch viel besser, wenn Obama mit Putin redet. Ich finde: Das sind Olympische Spiele, die sollten nicht für politische Demonstrationen missbraucht werden, auch wenn Letztere für sich noch so legitim sind.

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