Willi Lemke im Interview : „Es waren nicht Putins Spiele“

UN-Sonderberater Willi Lemke spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über die Kritik an Olympia in Sotschi, das Fingerspitzengefühl des IOC und eine Verwechslung von Toilette und Bidet.

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Anstoßgeber oder anstößig? Die Einflussnahme des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin (l.) ging Kritikern viel zu weit, IOC-Präsident Thomas Bach (r.) lobte dagegen Putins Engagement. Foto: Imago
Anstoßgeber oder anstößig? Die Einflussnahme des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin (l.) ging Kritikern viel zu weit,...Foto: imago/ITAR-TASS

Herr Lemke, es gab so viele Diskussionen um die Olympischen Winterspiele und Paralympics in Sotschi. Was bleibt für Sie als ranghöchster Sportdiplomat davon?

Der Sport hat sich in Sotschi nicht vereinnahmen lassen, der Sport stand im Mittelpunkt. Das haben auch die Athleten gesagt. Sie haben geschwärmt von tollen Sportstätten und fairen Wettkämpfen.

Sie teilen also nichts von der Skepsis gegenüber den Spielen, die so oft in Verbindung zum russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin gebracht wurden?

Nein, es waren ja auch nicht Putins Spiele. Er hat sich besonders mit den Spielen identifiziert. Aber ich habe kein einziges Plakat in Sotschi gesehen mit der Aufschrift: Putin ist der Beste oder so was. In der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, Sportveranstaltungen für politische Botschaften zu nutzen. Da gab es aber weniger Kritik als jetzt. Was es in den westlichen Medien an Falschmeldungen zu Sotschi gab, war teilweise abenteuerlich.

Was meinen Sie damit?

Schauen Sie sich zum Beispiel diese getwitterten Doppeltoiletten an. Dieses Bild war schon da, bevor die Spiele überhaupt losgingen: zwei Toiletten ohne Trennwand nebeneinander. Ich sage Ihnen die Erklärung: Da hat ein Arbeiter statt des Bidets neben die Toilette eben eine zweite gesetzt. Ich war bestimmt auch 20 Jahre alt, bis ich wusste, was ein Bidet ist.

So nicht. Willi Lemke wirft dem IOC fehlendes Fingerspitzengefühl vor.
So nicht. Willi Lemke wirft dem IOC fehlendes Fingerspitzengefühl vor.Foto: Imago

Gerade in Deutschland wurden die Spiele sehr kritisch bewertet. Sind Sie darauf oft angesprochen worden?

Ja, vier- oder fünfmal vielleicht. Die Russen haben mich gefragt, warum geht ihr so schlecht mit uns um? Ich konnte nur sagen: Ich bitte um Entschuldigung. 1972 war ich selbst Volunteer bei den Olympischen Spielen in München. Was hätten wir wohl gesagt, wenn nur über angeblich unfertige Hotels hergezogen worden wäre? Deutsche Firmen haben in Sotschi übrigens viel Geld verdient mit den Aufträgen zum Bau der Infrastruktur.

Die Kritik richtete sich nicht nur gegen die Gastgeber, sondern auch gegen das Internationale Olympische Komitee, das diesen Gigantismus der Spiele befördert hat.

Ich fand, dass sich Thomas Bach sehr korrekt verhalten hat in Sotschi, das habe ich ja aus nächster Nähe beobachten können.

Sie haben das nicht als Putin-Ranschmeiße empfunden?

Überhaupt nicht. Bach hat Putin mehrfach gedankt. Zum einen, weil es sich gehört, sich als Gast beim Gastgeber zu bedanken. Zum anderen, weil es die Spiele in Sotschi in dieser Form ohne Putin nicht gegeben hätte. Er hat für die Sicherheit gesorgt. Ich habe übrigens in der ganzen Zeit nur zwei Waffen gesehen, getragen von zwei Polizisten. Auf dem Frankfurter Flughafen sieht man mehr. Ich habe auch erst hinterher erfahren, wo die ganzen Polizisten waren. Die hatten sie alle in die bunten Jacken der Volunteers gesteckt. Das war clever gemacht, Gratulation.

Muss sich denn das IOC nichts vorwerfen lassen?

Nur eine Sache hätte ich anders gemacht. Als das IOC eine Rüge gegen norwegische Sportlerinnen aussprach, weil sie wegen eines verstorbenen Familienmitglieds Trauerflor getragen hatten. Jeder weiß, dass solche Bekundungen verboten sind. Ich hätte das einfach ignoriert, da habe ich das Fingerspitzengefühl vermisst.

Jetzt schwappt die Diskussion mit der Krim-Krise über Schalkes Sponsor Gazprom auch nach Deutschland. Was halten Sie davon?

Die Schalker können Gazprom ja an Werder abgeben (lacht).

Das wäre Ihnen als Aufsichtsratsvorsitzender lieber als Wiesenhof?

Dazu sage ich jetzt nichts.

Haben Sie Sorge, dass die Situation zwischen Russland und der Ukraine eskaliert?

Ich mache mir Sorgen, ja, aber ich habe vor allem Angst vor unberechenbaren Leuten in der Ukraine, die wir jetzt mit Milliarden aus Europa zuschütten.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

Willi Lemke, 67, ist seit 2008 UN-Sonderberater Sport für Entwicklung und Frieden. Sein Vertrag läuft Ende 2014 aus. Der frühere Bremer Senator leitet den Aufsichtsrat von Werder Bremen.

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